Konferenz von Evian 1938 (Teil 1)

Konferenz von Evian
Trügerische Idylle: Kurort Evian (Schweiz)

Vom 6. Juli 1938 bis zum 15.  Juli 1938 fand in der Schweiz die internationale Konferenz von Evian statt. Vertreter von 32 Nationen und 24 Hilfsorganisationen berieten in dem Schweizer Kurort über das Problem der stark gestiegenen Flüchtlingszahlen von Juden aus Deutschland und Österreich.

Der amerikanische Präsident Roosevelt hatte dazu eingeladen.

Das Thema dieser Friedenskonferenz lautete: Kann und will die internationale Gemeinschaft die deutschen und österreichischen Juden aufnehmen, die von den Nationalsozialisten immer schwerer bedrängt wurden?

Noch hatte die sogenannte „Reichskristallnacht“ nicht stattgefunden, und die systematische Verschleppung und Ermordung der Juden würde erst im Januar 1942 auf der „Wannsee-Konferenz“ beschlossen.

Trotzdem war schon 1938 unübersehbar, daß die politische Entwicklung im „Deutschen Reich“ für Juden bedrohlich wurde.

Die Teilnehmer der Konferenz konnten sich auf keine Lösung einigen.

Die deutschen und österreichischen Juden wurden alleine gelassen.

In einer kurzen Reihe werden hier Originaltexte aus der zeitgenössischen Tageszeitung „Palestine Post“ wiedergegeben.*

Die Palestine Post wurde im britischen  Mandatsgebiet Palästina in englischer Sprache heraus gegeben.

Palestine Post

06.07.1938

LONDON, Dienstag – Auf grosses Interesse stösst die Konferenz, die morgen in Evian-les-Bains am Genfer See eröffnet wird, um das Problem der Ansiedlung von Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich zu diskutieren.

Zweiunddreißig Länder werden vertreten sein, und Lord Winterton, Kanzler des Herzogtums Lancaster, und Sir Michael Palairet, ehemaliger britischer Minister in Wien, die die britische Delegation anführen, haben London heute auf dem Luftweg verlassen. Neben der britischen Delegation entsenden auch Australien, Neuseeland und Irland Delegationen, während Südafrika durch einen Beobachter vertreten sein wird.

Es wird davon ausgegangen, dass kein vorgefertigter Plan für die Lösung des Flüchtlingsproblems erreicht wurde. Der Vorschlag, dass eine internationale Konvention das Ergebnis der Beratungen sein könnte, wird als verfrüht angesehen, aber man geht davon aus, dass möglicherweise eine Einigung über die Aufnahme von Flüchtlingen in jedem Land erzielt werden könnte.

Nach dem Verständnis (des Evian-Korrespondenten von Reuter) wurden Anstrengungen unternommen, um die Vereinigten Staaten zur Annahme eines Vorschlags in dieser Richtung zu bewegen, und es wurde eine gewisse Vorarbeit geleistet.

Die Konferenz geht auf die Initiative von Präsident Roosevelt zurück, der einen Appell an andere Länder richtete, sich an internationalen, humanitären Bemühungen zu beteiligen, um den bedauernswerten Personen, denen das Existenzrecht in bestimmten europäischen Ländern verweigert wird, ein Mittel zur Wiederansiedlung zur Verfügung zu stellen.

Jüdisches Memorandum

Das Memorandum der Jewish Agency an die Konferenz beginnt mit dem Hinweis darauf, dass die Balfour-Erklärung gewährt wurde, um die Errichtung eines nationalen Heims für Juden in Palästina zu erleichtern, ohne die Rechte und den Status von Juden mit Wohnsitz in anderen Ländern zu beeinträchtigen.

Es wird festgestellt, dass der Zionismus vollständig mit der Gleichheit der Rechte und Pflichten der Staatsbürgerschaft in verschiedenen Ländern vereinbar ist. Der Zionismus ist gegen die Durchsetzung der Auswanderung, die die Wahl des Einzelnen ist und nicht zwingend ist. Das Memorandum gibt einen erschöpfenden Überblick über die jüdische Auswanderung seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, die auf Antisemitismus und Behinderungen jüdischer Gemeinden in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas zurückzuführen ist.

Das Dokument zählt die [jüdischen] Errungenschaften der Nachkriegszeit [nach 1918] in Palästina auf und weist darauf hin, dass diese den Weg für jüdische Menschen aus vielen Ländern geebnet haben, in ein normales jüdisches Leben einzutreten und zu leben, wodurch viele von ihnen aus Europa gerettet wurden. Darüber hinaus wurden Möglichkeiten für die Aufnahme von Auswanderern, insbesondere aus Deutschland, geschaffen.

Das Memorandum schließt mit dem Vorschlag einiger weiterer Möglichkeiten der jüdischen Ansiedlung in Palästina und Trans-Jordanien.

Amerikaner bei der Arbeit

James G. MacDonald, ehemaliger Hochkommissar der Liga für Flüchtlinge aus Deutschland, ist in Evian eingetroffen, wo er die amerikanische Delegation, die von Myron C. Taylor geleitet wird, beraten wird.

Die amerikanische Delegation war damit beschäftigt, Material für die Konferenz vorzubereiten, und soll großes Interesse an der Frage der jüdischen Massenansiedlung in unterentwickelten Ländern gezeigt haben, die von amerikanischen Stellen vorgeschlagen wurde.

Auf der kürzlich abgehaltenen skandinavischen Konferenz, auf der das Flüchtlingsproblem diskutiert wurde, wurde festgestellt, dass es 1.278 Auswanderer in Dänemark, etwa 2.000 in Schweden und [**] in Norwegen gab.

Private Organisationen

Hr. Hanson, Präsident des Nansen-Büros, wird als Leiter der norwegischen Delegation mit voller Handlungsfreiheit teilnehmen, während Polen durch einen Beobachter vertreten sein wird.

Mindestens 20 private jüdische und nicht-jüdische Flüchtlingshilfsorganisationen haben Pläne und Memoranden vorbereitet, die der Konferenz vorgelegt werden sollen. Diese Pläne legen nahe, dass die Konferenz Deutschland und andere Länder dazu drängen sollte, die Verfolgungen einzustellen; dass sie mit Deutschland verhandeln sollte, um jüdischen und anderen Auswanderern zu erlauben, einen Teil ihres Kapitals aus dem Reich herauszunehmen; und dass sie einen internationalen Kredit für die Flüchtlingsansiedlung sponsern sollte.

 Im Original:

LONDON, Tuesday.— Great interest is being centred on the conference opening tomorrow at Evian-les-Bains on lake Geneva, to discuss the problem of settling refugees from Germany and Austria.

Thirty-two countries will be represented, and Lord Winterton, Chancellor of the Duchy of Lancaster, and Sir Michael Palairet, former British Minister in Vienna, who are leading the British delegation, left London by air today. In addition to the British delegation, Australia, New Zealand and Eire are sending delegations, while South Africa will be represented by an Observer.

It is understood that no preconceived plan for the solution of the refugees problem has been reached. The suggestion that an international convention might be the outcome of the deliberations is regarded as premature, but it is believed that an agreement might possibly be reached on each country taking in refugees.

It is understood (by Reuter’s Evian correspondent) that efforts have been made to persuade the United States to accept a proposal on these lines, and a certain amount of preparatory work has been accomplished.

The conference is the result of the initiative taken by President Roosevelt, who issued an appeal to other countries to associate themselves in an international, humanitarian effort to provide a means for resettlement for those unfortunate persons denied the right of existence in certain European countries.

Jewish Memorandum

The Jewish Agency’s memorandum to the Conference begins by pointing out that the Balfour Declaration was granted in order to facilitate the establishment of a National Home for Jews in Palestine without prejudicing the rights and status of Jews domiciled in other countries.

It is stated that Zionism is fully compatible with the equality of rights and duties of citizenship in different countries. Zionism is opposed to the enforcement of emigration, which is the choice of individuals and is not compulsory. The memorandum gives an exhaustive review of Jewish emigration since the ’80s of the last century resulting from anti-Semitism and disabilities placed upon Jewish communities in many countries of Central and Eastern Europe.

Enumerating the post-War achievements in Palestine, the document points out that these have opened the way for Jewish people from many countries to enter and live a normal Jewish life, thereby rescuing many from Europe. Moreover, op-portunities have been created for the absorption of emigrants, especially  from Germany.

The memorandum concludes by suggesting some further possibilities of Jewish settlement in Palestine and Trans-Jordan.

Americans at Work

Mr. James G. MacDonald, former League High Commissioner for Refugees from Germany, has arrived at Evian where he will be adviser to the American delegation, which is headed by Mr. Myron C. Taylor.

The American delegation have been busy preparing material for the conference, and are said to have shown considerable interest in the question of Jewish mass settlement in undeveloped countries which was suggested by American bodies.

At the recent Scandinavian conference discussing the refugees‘ problem, it was stated that there were 1,278 emigres in Denmark, about 2,000 in Sweden and [**] in Norway.

Private Organizations

Hr. Hanson, President of the Nansen Office, is to attend as head of the Norwegian delegation, with full liberty of action, while Poland will be represented by an observer.

At least 20 private Jewish and non-Jewish refugee relief organizations have prepared plans and memoranda to be submitted to the conference. These plans suggest that the Conference urge Germany and other countries to halt persecutions; that it should negotiate with Germany to permit Jewish and other emigrants to take some of their capital out of the Reich; and sponsor an international loan for refugee settlement.

Interessant sind vor allem zwei Aspekte:

(1) Die amerikanische Delegation war im Vorfeld der Konferenz anscheinend besonders bemüht. Die Amerikaner hatten allerdings kein Interesse an einer jüdischen Immigration in ihr eigenes Land, sondern nur in „unterentwickelte Länder“.

(2) Sowohl die Jewish Agency, als auch die beteiligten jüdischen Organisationen haben eine Verhandlungslösung anfangs für möglich gehalten.

— Schlesinger

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Teil 9 / Part 9

* Hervorhebungen nicht im Original
** im Original nicht lesbar

Quelle: Archiv

Photo: Wikimedia, gemeinfrei

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