Konferenz von Evian 1938 (Teil 2)

Konferenz von Evian
Trügerische Kulisse: Schweizer Kurort Evian

Palestine Post

07.07.1938

US UND BRITISCHE ANGEBOTE* ZUR EVIAN-KONFERENZ

EVIAN, Mittwoch (R). – Bei der Eröffnung der Konferenz über internationale Flüchtlinge fand heute Morgen keine formelle Sitzung statt, und die verschiedenen Delegationen führten lediglich Vorgespräche.

Es wird für möglich gehalten, dass ein Versuch unternommen wird, jedes der Länder dazu zu bewegen, ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen aufzunehmen. Gegenwärtig ist das Finanzproblem das wichtigste. Auf der Eröffnungssitzung der Konferenz heute Nachmittag wurden Hinweise auf die praktische Hilfe gegeben, die die Regierungen der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs bei der Lösung des deutschen und österreichischen Flüchtlingsproblems leisten werden.

Herr Myron Taylor, der Delegierte der Vereinigten Staaten, sagte, daß das Ausmaß des Problems so groß sei, daß die gegenwärtige Konferenz nur die Maschinerie schaffen und die dringendste Frage – die der deutschen und österreichischen Flüchtlinge – in Angriff nehmen könne.

Die Vereinigten Staaten würden alles Mögliche tun, indem sie ihre gegenwärtige Quote von 27.000 deutschen Einwanderern pro Jahr erhöhen. Er schlug die Einrichtung einer ständigen Organisation vor, die sich in Paris treffen sollte, um die wichtigsten Fragen zu prüfen.

Der britische Delegierte, Lord Winterton, sagte, dass die S.M. [Seiner Majestät] Regierung im Rahmen ihrer begrenzten Mittel bereit sei, mit den anderen Regierungen bei der Prüfung der Frage der Entsendung der Flüchtlinge in die Kolonien zusammenzuarbeiten.

Die Regierung hat sich bereits nach der Anzahl der Familien erkundigt, die diese aufnehmen könnten.

Schwierigkeiten Frankreichs

Der französische Delegierte, M. Berenger, stimmte zu, dass es unerlässlich sei, praktische Maßnahmen vorzubereiten, um die Auswanderung der Flüchtlinge zu erleichtern, aber er wies darauf hin, dass Frankreich bei einer Bevölkerung von 40.000.000 Einwohnern bereits 200.000 Auswanderer habe und bereits Millionen von Francs für dieses Problem ausgegeben habe.

Die „TIMES“ verurteilt Deutschland

LONDON, Mittwoch (Paleor). – Zur Flüchtlingskonferenz in Evian verurteilte die [britische] „The Times“ die Behandlung der Juden durch die Nazis, die „des deutschen Volkes unwürdig und ein gewaltiges Hindernis für eine bessere Verständigung mit anderen Nationen“ sei.

Die Zeitung fuhr fort, dass diese gefühllose Brutalität selbst willens-starke Juden in den Selbstmord treibe und das Leben für die Mehrheit zu einem hoffnungslosen Elend mache.

Die deutsche Regierung hatte 1937 7.000.000 Pfund aus der den Juden auferlegten „Flucht“-Steuer gesichert und ihre verarmten Untertanen auf das Wohlwollen anderer Länder geworfen.

Vergehen gegen Völker

Das Vergehen richtete sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen die gesamte Völkergemeinschaft, fuhr „The Times“ fort.

Soweit sie absorbiert werden könnten, würde die Zahl der Flüchtlinge in anderen Ländern mit humanen Standards willkommen geheißen, aber der Grundsatz muss nachdrücklich aufrechterhalten werden, dass jedes Land für die Pro-1 [unklare Bedeutung] Behandlung seiner eigenen jüdischen Bevölkerung verantwortlich sei.

In einem anderen Leitartikel über Palästina drückte die Zeitung ihre Enttäuschung darüber aus, dass die Ausschreitungen [in Palästina] nicht enden wollten.

„Die Grausamkeit der arabischen Banden ist ungebrochen, und Entführungen folgen auf Morde. Obwohl die Einquartierung der [britischen] Truppen in den Dörfern die [jüdischen] Bewohner ermutigt hat, reicht die Zahl für eine umfassende Entwaffnung des Landes nicht aus, und es ist unmöglich, eine baldige Beendigung des tragischen Zustands zu erwarten, solange der Mufti von Jerusalem französisches Mandatsgebiet [im Libanon] nutzt, um seine Operationen fortzusetzen.

Eine Verbesserung ist erst im Herbst mit dem Eintreffen frischer britischer Infanteriebataillone zu erwarten. Der Jerusalem-Korrespondent der „The Times“ hat den gestrigen Kommentar in der hebräischen Presse wiedergegeben, um die Gewalt zu verurteilen.

„Manchester Guardian“

Zum Abschluss eines langen Artikels über die Evian-Konferenz erklärte „The Manchester Guardian“ am Montag, dass die Position von Juden und Nichtariern in Deutschland und Österreich völlig untragbar geworden sei.

Die Reichsregierung, die zuerst die Juden und diejenigen, die zum Teil der jüdischen Rasse angehörten, verarmt hatte und dann das Judentum außerhalb Deutschlands zwang, eine beispiellose Anstrengung zur Hilfe für die betroffenen Menschen zu unternehmen, schien nun bestrebt zu sein, das Gewissen der Menschheit zu erpressen“, so das Blatt.

Im Original:

US AND BRITISH OFERS* TO EVIAN CONFERENCE

EVIAN, Wednesday (R). – No formal session was held this morning at the opening of the conference on international refugees, and the various delegations held preliminary talks only.

It is considered possible that an attempt will he made to induce each of the countries to take a certain quota of refugees. At the moment, the problem of finance is the most important. Indications of the practical help the United States and British Governments will afford towards the solution of the German and Austrian refugees problem were given at the opening session of the Conference this afternoon.

Mr. Myron Taylor, the United States delegate, said that the scope of the problem was so big that the present Conference could only establish the machinery and tackle the most urgent question — that of the German and Austrian refugees.

The United States would do everything possible by increasing its present quota of 27,000 German immigrants per year. He proposed the establishment of a permanent organization to meet in Paris to examine the main questions.

The British delegate, Lord Winterton, said that H.M. Government, within their limited means, was ready to work with the other Governments in the examination of the question of sending the refugees to the Colonies.

The Government has already inquired concerning the number of families which the latter could receive.

French Difficulties

The French delegate, M. Berenger, concurred that it was essential that practical measures should be prepared with a view to facilitating the emigration of refugees, but he pointed out that France already had 200,000 emigrants in her population of 40,000,000, and had already spent millions of francs on this problem.

„TIMES“ CONDEMNATION

LONDON, Wednesday (Paleor). —Devoting its first editorial article today to the Evian Conference on Refugees, „The Times“ trenchantly condemned Nazi treatment of Jews which „is unworthy of the German people and a most formidable obstacle to better understanding with other nations.“

The paper continued that this callous brutality was driving the strongest-minded Jews to suicide and making life for the majority a hopeless misery.

The German Government had secured £7,000,000 in 1937 from the „Flight“ tax imposed on Jews, flinging their impoverished subjects on the benevolence of other countries.

Offence Against Nations

The offence was not only against Jews, but against the whole community of nations, „The Times“ continued.

So far as they could be absorbed, numbers of the refugees would be welcomed in other countries with humane standards, but the principle , must be emphatically upheld that each country was responsible for the pro-1 per treatment of their own Jewish population.

In another editorial on Palestine, the paper expressed disappointment at the fact that the outrages were unending.

„The cruelty of the Arab bands is unabated, and kidnapping follows murder. Although the quartering of troops in the villages has encouraged the inhabitants, the number is insufficient for a comprehensive disarmament of the country and it is impossible to expect an early termination of the tragic state while the Mufti of Jerusalem is using French Mandated territory to continue his operations.

An improvement can only be expected in the autumn with the arrival of fresh British infantry battalions. The Jerusalem correspondent of „The Times“ has reproduced yester-day’s comment in the Hebrew press in condemnation of the violence.

„The Manchester Guardian“

Concluding a long article on the Evian Conference, „The Manchester Guardian“ on Monday declared that the position of Jews and non-Aryans in Germany and Austria had become utterly intolerable.

‚The Government of the Reich, having first impoverished Jews and those partially of the Jewish race, and then forced Jewry outside of Germany to make an unprecedented effort for the assistance of the afflicted people, seemed now anxious to blackmail the conscience of humanity‘, the paper said.

Im Jahr 1938 war die Lage der Juden nicht nur in Deutschland und Österreich brisant, sondern auch in Palästina.

Arabischer Aufstand

In Palästina tobte seit 1936 der arabische Aufstand, der sich hauptsächlich gegen die britische Mandatsmacht, aber auch gegen die jüdischen Einwanderer richtete.

Der 07.Juli 1938 war ein besonders schlimmer Tag, wie die Palestine Post berichtete:

Alleine in der Küstenstadt Haifa kamen bei Auseinandersetzungen 18 Araber und 15 Juden ums Leben, weitere 69 Araber und 10 Juden wurden verletzt.

— Schlesinger

* Im Original „OFERS“: Schreibfehler?

Hervorhebungen nicht im Original

Quelle: Archiv

Photo: Wikimedia, gemeinfrei

Teil 1 finden Sie hier.