Vertreibung der Palästinenser wird geleugnet

Benny Morris zur Vertreibung der Palästinenser

Der israelische Historiker Benny Morris ist eine bizarre Erscheinung.

Ursachen der Vertreibung

1988 erschien Morris‘ Buch „Die Ursachen des palästinensischen Flüchtlingsproblems„, das ihn über Israels Grenzen hinaus bekannt machte  (The birth of the palestinian refugee problem).

Darin bestätigte er die Vertreibung der Palästinenser durch jüdische Einheiten und widerlegte eine Jahrzehnte alte Darstellung, nach der die Araber Palästinas im Krieg von 1948 vor allem deshalb geflohen seien, weil sie:

– von ihren Führern dazu aufgefordert wurden

– aus eigenem Antrieb gingen oder

– vorübergehend das Kriegsgebiet verlassen wollten, um mit den siegreichen arabischen Armeen zurück zu kehren. (Vgl. Fn.1)

Im Übrigen hätten die Juden bzw. Israelis einiges unternommen, um die Araber zum Bleiben zu bewegen. Keinesfalls habe man die Araber vertrieben.

Mit diesen Mythen hat Benny Morris Schluß gemacht. Er machte sich damit vorübergehend zum Doyen der sogenannten „Neuen Historiker“ Israels.

Die Neuen Historiker bekamen Zugriff auf viele Archivbestände, nachdem für eine große Zahl von Dokumenten die Sperrfrist von 30 Jahren abgelaufen war. Obwohl viele Dokumente zensiert waren, blieben doch genügend übrig, um zu neuen Erkenntnissen zur Vertreibung der Palästinenser zu kommen.

Ein brisanter Archiv-Fund

Die israelische Armee  hatte während des Kriegs 1948 eine Kommission eingesetzt, die die Ursachen für die Flucht der Palästinenser herausfinden sollte. Das im Juni 1948 entstandene Dokument wurde nur einem kleinen Kreis zugänglich gemacht. Erst Mitte der 80er gelangte es aus dem Nachlass von Aharon Cohen, einem führenden Politiker der Partei Mapam, in die Hände von Morris.

Der Bericht der israelischen Kommission bestätigte ohne Umschweife die Vertreibung der Palästinenser: in über 70 Prozent der Fälle sei die Flucht direkt auf Handlungen der jüdischen / israelischen Armee zurückzuführen ist. (Vgl. Fn 2)

Die Veröffentlichungen, die Morris und andere auf Grundlage dieser neuen Quellenlage verfassten, haben für einige Aufregung gesorgt.

Immerhin war es lange Zeit so, dass sich Israel angesichts der Flucht der Araber keiner Schuld bewußt war: Da sie aus freien Stücken abgezogen waren konnte man nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Weder in Hinblick auf Entschädigungen, noch in Bezug auf ein Recht auf Rückkehr. Beides wäre im Licht der neuen Erkenntnisse zu revidieren. Israels Ansehen im Ausland wurde durch die neuen Erkenntnisse nicht gerade befördert, zumal man sich mitten in der Ersten Intifada befand.

Ein Historiker wird geächtet

Wie so oft wurde der Überbringer der schlechten Nachricht geprügelt.

Eine Zeitlang war Morris in Israel ein akademischer Paria. Offenbar hat ihn das stark eingeschüchtert. Er begann sich von den Schlüssen, die aus seinem Werk zu ziehen sind, zu distanzieren. Seitdem ist Benny Morris zwiegespalten.

Auf der einen Seite betreibt er weiter Forschung an den Quellen. Die dabei gewonnen Einsichten verschärften seine ursprünglichen Thesen zum Teil (Fn. 3), und doch nahm er die Vertreibung und die damit einhergegangenen Gräuel wie Massaker oder Vergewaltigungen mit einem Schulterzucken hin nach dem Motto: So ist das im Krieg.

Aus den Abläufen von 1948/49 zieht Morris längst realpolitische Folgerungen, die einem größeren politischen Spektrum in Israel gefallen dürften. Er ist der Auffassung, die politische Führung unter Ben Gurion und die Armee hätten sich damals eine Chance entgehen lassen. Man hätte die Araber ganz vertreiben können und sollen, und stünde heute nicht vor den bekannten demografischen Problemen.

Morris: Palästinenser sind wilde Tiere

Während der Zweiten Intifada gab Morris ein Interview, in dem er die Palästinenser als „wilde Tiere“ bezeichnete, die weggesperrt werden müssten. Wenn es ganz schlimm komme, müsse man vielleicht noch weiter gehen. Immerhin, so Morris, konnte auch die große amerikanische Nation nur mit der Vernichtung der Indianer gegründet werden.

Der israelische Publizist Ari Shavit schrieb dazu auf Counterpunch  :

Morris fährt fort, für die Notwendigkeit der ethnischen Säuberung im Jahr 1948 zu argumentieren.

Er tadelt David Ben-Gurion dafür, dass er es nicht geschafft hat, alle Palästinenser zu vertreiben, und deutet an, dass es notwendig sein könnte, die Arbeit in der Zukunft zu beenden.

Obwohl er sich selbst als linken Zionisten bezeichnet, beruft er sich auf den Faschisten Wladimir Jabotinsky und lobt ihn, wenn er eine „eiserne Mauer“ als Lösung für die aktuelle Krise fordert.

Unter Bezugnahme auf [Ariel] Sharons Sicherheitsmauer sagt er [Morris] [über die Palästinenser],

„Für sie muss so etwas wie ein Käfig gebaut werden.

Ich weiß, das klingt schrecklich. Es ist wirklich grausam. Aber es gibt keine andere Wahl.

Es gibt dort ein wildes Tier, das auf die eine oder andere Weise eingesperrt werden muss.“

Er nennt den Konflikt zwischen Israelis und Arabern einen Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei und schlägt eine Analogie vor, die häufig von Palästinensern gezogen wird, die sozusagen vor der Mündung des Winchester-Gewehrs stehen:

„Selbst die große amerikanische Demokratie hätte nicht ohne die Vernichtung der Indianer entstehen können.“

„Es gibt Umstände in der Geschichte, die ethnische Säuberungen rechtfertigen.“

„Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen. Man muss sich die Hände schmutzig machen.“

Längst hat Morris seinen Befund zum Krieg von 1948 angepasst.

Vertreibung? Nein! Nur eine „Atmosphäre“ davon.

In seinem 2008 erschienen Werk „1948“ verabschiedet sich Morris auf widersprüchliche Art von seinen frühen Einsichten.

Obwohl es Vertreibungen gegeben habe (die er im Buch reichlich dokumentiert) und obwohl – wie er schreibt – eine „Atmosphäre von ethnischer Säuberung in kritischen Monaten vorherrschte“ sei Vertreibung oder Transfer niemals offizielle Politik gewesen:

Nichtsdestotrotz wurde der Transfer oder die Vertreibung von der zionistischen Bewegung oder ihren wichtigsten politischen Gruppierungen in keinem Stadium der Entwicklung der Bewegung als offizielle Politik angenommen – nicht einmal im Krieg von 1948.

Zweifellos lag dies zum Teil an dem Verdacht der Israelis, dass die Aufnahme der Unterstützung für einen Transfer in ihre Programme die westliche Unterstützung für den Zionismus entfremden und zu Uneinigkeit in den zionistischen Reihen führen würde. Es war auch das Ergebnis von moralischen Skrupeln.

Während des Krieges von 1948, der von der jüdischen Seite allgemein als ein Krieg ums Überleben angesehen wurde, gab es zwar Vertreibungen und während der kritischen Monate herrschte eine Atmosphäre dessen, was später als ethnische Säuberung bezeichnet wurde, aber der Transfer wurde nie zu einer allgemeinen oder erklärten zionistischen Politik.

Rund eine dreiviertel Million Palästinenser flohen aus dem Land, und mehr als ursprünglich angenommen durch Vertreibung und Grausamkeiten, wie Morris an anderer Stelle festhielt:

der Anteil der 700.000 Araber, die aufgrund von Vertreibungen auf die Straße gingen und nicht aufgrund eines direkten militärischen Angriffs oder aus Angst vor einem Angriff usw. ist größer als in The Birth angegeben.

Ähnlich hat die neue Dokumentation Gräueltaten aufgedeckt, die mir beim Schreiben von The Birth nicht bewusst waren.

Araber träumen von Vertreibung der Juden

Vielmehr sei es so gewesen, dass Transfer und Vertreibung durchgängiges ideologisches Merkmal der palästinensischen Nationalisten gewesen sei („Die Juden ins Meer werfen„).

Im April diesen Jahres hat Benny Morris auf OpenZion, dem US-Blog des bekannten liberalen jüdischen Publizisten Peter Beinart nochmals explizit bekräftigt, was er von den Arabern im Allgemeinen und den Palästinensern im Besonderen hält: Es sind Barbaren.

Spätestens damit hat Israels Rechte seinen Haus- und Hofhistoriker gefunden.

Benny Morris: ein Doktor Seltsam, der lernte die Bombe zu lieben.

— Schlesinger

Dieser Beitrag ist Teil 2 zum Thema „Vertreibung der Palästinenser„.
Dieser Beitrag gehört zur Serie Kriegsverbrechen Israels.

Photo: aude ( Wikimedia CC Lizenz)

Quellenangaben

(1) „Israel has over the years contended that Arab leaders, inside and outside Palestine, asked or ordered the Palestinian masses to flee their homes in Jewish-controlled territory“

Benny Morris, in: Journal of Palestine Studies, Vol. 15, No. 4 (Summer, 1986), S. 181)

(2) „More than70 percent of the Arab exodus from Palestine by June 1948 was caused by Jewish military attacks, according to a contemporay IDF Intelligence Branch report that has recently surfaced.“ (Ebd.)

(3) „Without doubt, the crystallization of the consensus in support of transfer among the Zionist leaders helped pave the way for the precipitation of the Palestinian exodus of 1948.

Similarly, far more of that exodus was triggered by explicit acts and orders of expulsion by Jewish/Israeli troops than is indicated in The Birth.“

Benny Morris, in: The War for Palestine (Hrsg. Eugene L. Rogan) , S. 56