Nahost-Theater: Que sera, sera

Theater Kritik Israel Gaza
Träume sind immer gefährlich

Die größte moralische Wucht entfaltet ein Werk auf der Bühne dann, wenn es die Ereignisse zeigt wie sie sind.

So brutal sie auch sein mögen. Ohne dabei zu moralisieren.

Daher entfaltet das auf der Augsburger Brechtbühne gezeigte Stück Ulysses auf dem Flaschenfloß eine ungeheure moralische Wirkung.

Die Art, wie der israelische Autor Gilad Evron sein Thema „Belagerung von Gaza“ konstruiert, erinnert an den Jahrhundert-RomanDie Wohlgesinnten“ des jüdisch-amerikanisch-französischen Autors Jonathan Littell.

Littell zwingt den Leser teil zu nehmen an den furchtbarsten Verbrechen des Naziregimes, aus dem Blickwinkel des fiktiven und zugleich höchst realistischen SS-Offiziers Max Aue.

Gilad Evron zwingt die Zuschauer zur Teilnahme an den Schrecken des israelischen Besatzungsregimes gegenüber den Palästinensern.

Die Dimensionen der Verbrechen sind im Vergleich zu den Nazi-Verbrechen in den „Wohlgesinnten“ ganz sicher andere.

Doch die menschlichen Dimensionen der Beteiligten sind dieselben.

Im Epizentrum: Die Macht

Evrons Werk, um die wesentliche Leistung des Stücks vorwegzunehmen, ist eine vielschichtige, rundweg gelungene Charakterstudie des Menschen. Erst an zweiter Stelle steht eine Anklage gegen die Besatzung.

Denn die gezeigten Protagonisten auf der Seite des Unrechtsregimes sind alle Archetypen der Macht:

  • der Rechtsanwalt des Inhaftierten
  • die auf Luxus, Status und Ruf bedachte Gattin des Rechtsanwalts
  • der auf Karriere bedachte Juniorpartner des Anwaltsund wie die Spinne im Netz, im Epizentrum der Macht:
  • der Generalstaatsanwalt (der ebensogut der Ministerpräsident sein könnte)

Gezeigt wird in diesem Stück: So oder so ähnlich spielt sich alles menschliche Verhalten ab wenn es um die Frage geht, wie opportunistisch sich der Einzelne an seinen eigenen Vorteilen orientiert.

Gerade auch im Angesicht von Verhältnissen, das alltäglich Unrecht und Leid produziert.

Daher ist die Wirkung dieses Theaterstücks Ulysses ganz ähnlich der Wirkung der Wohlgesinnten.

Man bekommt einen Spiegel vorgehalten:

Wer bin ich? Wie verführbar bin ich?

Die Geschichte von Ulysess ist schnell erzählt.

Ein russischer Neueinwanderer in Israel ist Lehrer und lebt leidenschaftlich von und für Literatur. Russische Literatur. Denn im Gegensatz zur französischen – so teilt uns der Lehrer mit – öffnet die russische Literatur die Horizonte.

Deshalb will er sie unbedingt in das von Israel abgeschottete Gaza bringen. Denn dort gibt es kaum Literatur. Und nur seine Bücher könnten den Menschen dort ein neues Gefühl bringen für offene Horizonte! So meint er.

Also baut der Idealist ein Boot aus leeren Plastikflaschen. Segelt nach Gaza. Wird von der israelischen Küstenwache abgefangen. Landet im Gefängnis. Dort wird er vom Mensch zum namenlosen Exempel.

Denn natürlich weiß die Obrigkeit um die Gefahr von Büchern. Sie kennt die Risiken, die freie Gedanken mit sich bringen.

Die Ungerechtigkeit muss rechtens sein!

Die Obrigkeit in diesem Stück wird vertreten vom Generalstaatsanwalt Israels.

Der hat eigentlich ganz andere Sorgen. Er muss sich um die Situation in Gaza kümmern. Muss dafür sorgen, dass durch die wenigen Grenzübergänge hindurch eine Versorgung von Gaza möglich wird, die juristisch unanfechtbar ist. Die Not in Gaza muss rechtens sein. Sie mag menschlich schrecklich sein. Aber sie muß juristisch einwandfrei sein!

Der Generalstaatsanwalt erklärt dem Anwalt des Verhafteten Literaten wie die Sache steht. Vor allem, um was es in Gaza geht. Dort leben 1,6 Millionen Menschen. Wenig Alte, viele Junge. Ungeheure Geburtenrate. Anhand einer quadratmetergroßen Legostein-Platte baut der Staatsanwalt auf der Bühne die Bevölkerungstürme auf. Er demonstriert anschaulich die Enge. Wie viele Kalorien wären wohl das Minimum? Es gehe nicht nur ums reine Überleben, räsoniert er.

Wieviel Kalorien braucht man zum Aussterben?

Ihn würde besonders interessieren, wie sich diese Mangelernährung auswirkt.

Würde die Sterblichkeit steigen? Würden die Menschen weniger wachsen?

Ach, was mache das schon, seine Großmutter sei zuletzt auch geschrumpft, obwohl sie zeitlebens viel Käse mit dem ganzen enthaltenen Calcium gegessen habe.

Würde sich die Gehirnleistung verändern bei einer Mangelernährung?

Eine grauenvolle Vorstellung sei das, so der Staatsanwalt, wie sich die Menschen dort vermehren würden. Und irgendwann, irgendwann würden sie rüberkommen. Zu uns!

Ja, sagt der beinahe greise Machtmensch, er würde dann auf sie schiessen.  Wahrscheinlich würden auch sein Sohn und sein Enkel auf sie schiessen. Aber es wären wohl zu viele. Grauenhaft!

Das Stück kreist um den Staatsanwalt. Er nimmt nicht die umfangreichste Rolle ein, aber die zentrale. Um ihn herum gruppiert sich der Rest, wie immer: Abhängig von der Macht des Mächtigen, von seiner Gnade.

Die Macht gibt, die Macht nimmt

Die anderen im Stück sind Statisten.

Nicht als Schauspieler auf der Brechtbühne! Denn jeder füllt die ihm zugedachte Rolle mit bewunderswert prallem Leben: Markus Calvin als Rechtsanwalt, Judith Bohle als Luxusgattin, Tjark Bernau als Literat und Alexander Darkow als Juniorpartner (der vom Typus her an den Spekulanten „Gecko“ in Wall Street angelehnt ist). Ganz große Schauspielkunst!

Statisten aber sind sie im Sinn des Drehbuchs. Gerade weil sie so viel „ich“ sein wollen, bemerken sie nicht oder verdrängen wie sehr sie allesamt abhängig sind von der über ihnen thronenden Macht.

Die Macht – der Generalstaatsanwalt – lässt sich schließlich herab, mit dem träumerischen Literaten zu diskutieren.

Anleihe von Hochhuths „Stellvertreter“

Der Dialog ist groß und schrecklich groß.

Er erinnert an den grauenhaften Dialog in Rolf Hochhuths unvergesslichen Stück Der Stellvertreter zwischen dem Nazi-Lagerarzt von Auschwitz Dr. Mengele und einem dort freiwillig inhaftierten Priester.

Hier der gebildete eiseskalte Zyniker Mengele, der kraft seiner Macht über allem Leben steht. Dort ist das Nichts, der träumerische Priester, dem Mengele amüsiert die Gnade gewährt sich zu erläutern.

Im Ulyssess geht es nicht ganz so brutal aus wie im Stellvertreter.

Gnadenhalber wird der Literat aus der Haft entlassen. Er muss versichern nicht erneut nach Gaza zu wollen. Dann sonst müsste man ihn töten.

Gefährlicher Idealisimus

Der Träumer segelt trotzdem in einem selbstgebauten Fluggerät Richtung Gaza. Und wird getötet.

Die anderen, der Rechtsanwalt, seine Gattin und der Juniorpartner feiern derweil die florierende Partnerschaft. Der Junior wirft kurz ein, dass dieser eine verrückte Mandant ums Leben gekommen sei.

Die Gattin witzelt und ergeht sich mit dem Karrieristen in Träumen, was man alles aus dieser tollen Strandlage in Gaza machen könnte. Der Juniorpartner meint, es müsste sich halt einer ermannen, dort aufzuräumen.

Nur der Rechtanwalt hält bei der Todesnachricht des Literaten inne. Er hatte so lange Stunden mit seinem Mandanten verbracht. Er hatte ihn nicht wirklich verstanden. Irgendwie wollte er ihn verstehen. Aber der sei

so uneinsichtig gewesen,

so irrational,

so nutzlos verträumt.

Das wirft der Rechtsanwalt dem Toten ein ums andere mal vor.

Dabei verliert er sein Lächeln. Blickt in die Ferne. Versteht nicht mehr alles. Obwohl er doch bislang alles verstand.

Und fängt an ein Lied zu summen: Que sera, sera. Whatever will be, will be.

Vorhang.

Ganz, ganz großes Menschentheater.

Gratulation an die Brecht-Bühne in Augsburg.

— Schlesinger

PS.: Maximale Gratulation an Bühne, Truppe der Brecht-Bühne und den Leiter Markus Trabusch. Leider wurde das Stück nur sparsam mit Applaus bedacht. Zu viel Spiegel, in den man schauen musste, fürchte ich…..

Teil I der Kritik dieses Doppel-Abends finden Sie hier.

Titelphoto by Hello I’m Nik ?? on Unsplash

Photo: Dem Abendprogramm entnommen ((c) Theater Augsburg).