Trump und Netanjahu sind keine Freunde mehr

Trump und Netanjahu sind keine Freunde mehr

Benjamin Netanjahu ist ein „großartiger Kerl“, „einzigartig“, ein „Gewinner“ und „super für Israel“. So hat Donald Trump im Jahr 2013 Wahlwerbung für „Bibi“ gemacht.

Als Donald Trump Präsident wurde, hat die Zeitung „Times of Israel“ gefragt, ob sich hier zwischen Trump und Netanjahu eine „Verbindung des Himmels“ anbahnen würde. Das sah die Zeitung skeptisch.

Immerhin: Trump hatte seine unbedingte Unterstützung für Israel erklärt, war gegen das Atomabkommen mit dem Iran, distanzierte sich von einer Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern und kündigte an, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Das alles musste Netanjahu vorkommen wie ein Geschenk des Himmels. Aber nur beinahe.

Netanjahu ist wie Nixon

Netanjahu ist zu clever und zu erfahren, um einem wie Trump zu trauen.

Netanjahu kann vielleicht am besten mit Richard Nixon verglichen werden: Ein in der Wolle gewaschener Politiker, intelligent, gerissen und selbstverliebt. Auch ein „tricky dick“ – ein Trickser, der andere hereinlegen kann und hereinlegen will.

Netanjahu ist aber auch einer der politisch komplizierte Dinge regeln kann. Das hat er vor allem als Finanzminister in einer Zeit bewiesen, in der Israel wirtschaftlich angeschlagen war.

Und schließlich: Netanjahu liebt sein Land. Das Erlebnis, das Netanjahu für sein Leben geprägt hat war der Tod seines Bruders Yoni, der bei einem Anti-Terror-Einsatz ums Leben kam.

Ja, Netanjahu ist eitel und korrupt. Trotz dieser Schwächen würde er nicht sein Land wissentlich aufs Spiel setzen. Es gibt eine Grenze für Netanjahu.

In fast all diesen Punkten unterscheidet sich Netanjahu von Trump.

Trump ist wie Stalin

Trump hält sich für intelligent und gerissen. In Wahrheit hat ist Trump nur bauernschlau. Brutal schlau in der Art eines Josef Stalin.

Der verbliebene Rest der amerikanischen Demokratie hat mit Mühe verhindern können, dass sich Trumps Brutalität in vollem Ausmaß zeigen konnte. Hätte Trump zuletzt das Militär auf seine Seite ziehen können wäre er zu einem amerikanischen Stalin geworden.

Er hätte zweifellos den Demokraten den Garaus gemacht und nebenbei jenen Teil der Presse, die ihn nicht als den größten Führer aller Zeiten gepriesen hätte.

Und schließlich: Trump liebt sein Land nicht. Er betrachtet das Land als Goldgrube für seine krummen Geschäfte,. Das amerikanische Volk dient Trump nur als Spieglein-an-der-Wand, um seine grenzenlose Egomanie zu pflegen.

Netanjahu hat Trump gemolken

Netanjahu hat das früh erkannt. Er wußte wie man die Eitelkeit Trumps am besten ausnutzen kann. Der professionelle Schmeichler Netanjahu tat einfach, was Trump am liebsten hat: ihn mit Lob überschütten.

Alleine im Jahr 2018 waren im US Haushalt 550 Millionen US $ an Militärhilfe für Israel eingeplant. Das ist Teil der gigantischen 38 Milliarden US$ Militärhilfe der USA an Israel über zehn Jahre, die Trump 2018 vom Kongress bestätigt bekommen hat.

So einen guten Freund hält man sich warm.

„Ich bin Ihnen, Präsident Trump, für Ihre entschlossene Führung dankbar“ sagte Benjamin Netanjahu am 15. September 2020 im Weissen Haus. Das war ein Vierteljahr, bevor der entschlossene Führer Trump seine Anhänger dazu aufgestachelt hat, das Kapitol zu stürmen.

Als Trumps militante Anhänger im Kapitol wüteten wandte sich Netanjahu von seinem Freund Trump ab:

Die Erstürmung des Kapitolgebäudes in Washington war beschämend und verdient alle Verurteilung.

Seit Generationen ist die amerikanische Demokratie eine Inspiration für die Welt und Israel.

Dieser gewalttätige Aufruhr ist das komplette Gegenteil der Werte, die Amerikaner und Israelis hochhalten.

Ich habe keinen Zweifel, dass die amerikanische Demokratie sich durchsetzen wird – wie sie es immer getan hat.

Dieser Kommentar zeigt keine Sympathie mehr für den noch amtierenden Präsidenten Trump.

Die aktuellen rückblickenden Dankesworte Netanjahus in Richtung Trump galten nicht Trump als Person. Dieser „Dank“ war gedacht als eine Mahnung und Aufforderung an den Nachfolger Joe Biden, es so zu machen wie Trump:

Ich möchte Präsident Trump und Ihnen allen in der Verwaltung für alles danken, was Sie für den Frieden getan haben und tun.

Sie haben einen echten Unterschied gemacht, einen Durchbruch nach dem anderen erzielt und die VAE, Bahrain, Marokko und den Sudan in den Kreis des Friedens gebracht.

Das soll heißen: Je mehr arabische Staaten „Frieden“ mit Israel schließen, desto größer ist die Aussicht auf Erfolg, die Palästinenser von der politischen Agenda nehmen zu können.

Netanjahu hat in den letzten vier Jahren von Trump so viel bekommen wie nur zu bekommen war.

Mit einem Rassisten und Umstürzler Trump, der als Potentat Amerika in eine ungewisse Zukunft führt will Netanjahu eher nichts zu schaffen haben.

Netanjahu ist daher wieder zurück zur selben Distanz, die er schon früher gegen Trump hatte. Als sich Trump 2015 – also vor seiner Präsidentschaft – über Muslime abfällig geäußert hat, hat Netanjahu ihm auf Twitter einen Rüffel erteilt:

Netanjahu kritisiert Trump

Für Netanjahu stehen nun die vierten Wahlen innerhalb kürzester Zeit an. Verliert er, dürfte er die Niederlage schweren Herzens akzeptieren. Er wird sich damit den Respekt nicht nur seiner Anhänger, sondern auch seiner politischen Gegner bewahren. An so einer Art Würde war Trump nie interessiert.

— Schlesinger

Photo Tweet: sceenshot Times of Israel

Photo Titelbild: screenshot Youtube Video (Link wie zuvor)