Kritik an Israel ist antisemitisch!

Kind in Gaza

Hier in Israel sind wir es gewohnt, dass die Regierung den Vorwurf des Antisemitismus nutzt, um Kritik zum Schweigen zu bringen.

In jüngsten Jahren ist das sogar offizielle Politik geworden.

Das sagte kürzlich Prof. Dr. Gideon Freudenthal, emeritierter Professor für Wissenschaftstheorie und -geschichte an der Universität Tel Aviv.

Der Musiker Brian Eno meint:

Ich bin nur einer von vielen Künstlern, die von einem neuen McCarthyismus betroffen sind, der sich in einem steigenden Klima der Intoleranz in Deutschland breit gemacht hat.

In Deutschland gab es zuletzt eine hitzige Debatte zum 100 mal durchgekauten Thema, ob man Kritik an Israel üben dürfe oder ob das bereits Antisemitismus sei.

Die israelische Regierung von Benjamin Netanjahu dürfte mit dem Verlauf der Debatte ebenso zufrieden sein wie die israelische Rechte, die Siedler und die Nationalisten.

Warum? Weil „Antisemitismus“ in dieser Debatte im Grunde das einzige dominierende Stichwort war. Wäre das beherrschende Stichwort „Besatzung“ gewesen, sähe es anders aus. Aber so kann man einen absoluten Punktsieg für Netanjahu & Co. feststellen. Glückwunsch, Bibi!

Demütigung der Palästinenser keine Nachricht wert

Das ändert nichts daran, dass der Befund von Prof. Freudenthal richtig ist.

Israel hat allen Grund diesen größten möglichen Knüppel namens „Antisemitismus“ zu ziehen, um Kritik an seiner Politik so früh wie möglich zum Schweigen zu bringen.

Warum? Weil das Schweigen der Welt angesichts des täglichen Horrors der israelischen Besatzung der Palästinenser genau so bleiben muss, wie es ist.

Der tägliche Horror besteht eben nicht aus Bombardements, Artilleriegefechten oder Feuergefechten. Diese Dinge würden „verdienen“ in die Nachrichten zu kommen.

In die Nachrichten schaffen es nicht: Die tausend Ohrfeigen, die israelische Soldaten und Grenzpolizisten verteilen. Das stundenlange Warten der Palästinenser an den Checkpoints. Die Wandschmierereien der jüdischen Siedler an palästinesischen Häusern. Die hundertfachen nächtlichen Hausdurchsuchungen der israelischen Armee, die immer ohne richterlichen Beschluß durchgeführt werden. Und so weiter und so fort.

Vor Weihnachten in Bethlehem

Was ist die letzten Wochen vor Weihnachten 2020 passiert in den von Israel besetzten Gebieten?

* Aktueller Bericht der UN: Israelische Streitkräfte erschossen einen 15-jährigen palästinensischen Jungen

* drei 16-jährige palästinensische Jungen wurden bei vier verschiedenen Vorfällen durch israelische Soldaten schwer verletzt

* Israelische Streitkräfte töteten einen palästinensischen Mann und verletzten einen weiteren schwer bei zwei separaten Vorfällen an Checkpoints

* 206 Palästinenser, darunter zehn Kinder, und sechs israelische Soldaten wurden bei mehreren Zusammenstößen im Westjordanland verletzt. Davon wurden 148 Palästinenser bei Protesten gegen jüdische Siedlungsaktivitäten im Westjordanland angeschossen

* Israelische Streitkräfte führten 182 Durchsuchungen und Verhaftungen durch und nahmen 149 Palästinenser im Westjordanland fest.

* 52 in palästinensischem Besitz befindliche Gebäude wurden abgerissen oder beschlagnahmt (wegen fehlender Baugenehmigungen, die von israelischen Behörden praktisch nie an Palästinenser vergeben werden)

* Zwei Palästinenser wurden in der Nähe von Qalqiliya verletzt

* mindestens 300 Olivenbäume, Setzlinge und Weinreben sowie Grundstücke in palästinensischem Besitz wurden von Tätern beschädigt, bei denen es sich vermutlich um israelische Siedler handelt

* Die israelischen Streitkräfte entwurzelten etwa 200 Olivenbäume und Weinstöcke, die von Bauern aus dem Dorf Al Khader (Bethlehem) gepflanzt worden waren

Palästinenser verstehen nur die Sprache der Gewalt

Ein Antisemitismus-Beauftragter Klein und all diejenigen, die vermeintlich solidarisch zu Israel stehen, wollen von all dem nichts wissen.

Oder sie kennen solche Vorkommnisse, aber packen sie insgeheim in die Schublade „die Palästinenser verstehen nur die Sprache der Gewalt„.

Man darf mit Sicherheit annehmen: Keiner von ihnen hat die Berichte der israelischen Soldaten gelesen, die ihren Dienst in den besetzten Gebieten geleistet haben.

In „Das Schweigen brechen“ ist offen gelegt, mit welcher Bereitschaft zur Gewalt bis hin zur Lust an der Gewalt israelische Soldaten als Besatzer auftreten. Bis heute.

Ein Auszug (Bericht Nr. 93; eine Grenzpolizei-Einheit bei Wadi Ara):

„Sie sollen sich in die Hosen scheißen“

Frage: Was ist passiert, wenn Ihr jemand erwischt habt?

Soldat: Dann sind wir auf sie los. […] man [hat] die Taschen der [palästinensischen] Kinder ausgeschüttet und mit ihrem Spielzeug gespielt. Also, man nimmt sich ein Spielzeug und wirft es sich gegenseitig zu.

Frage: Haben die Kinder geweint?

Soldat: Die ganze Zeit. Sie haben geweint und hatten Angst.

Frage: Haben die Erwachsenen auch geweint?

Soldat: Natürlich haben sie geweint, sie wurden gedemütigt. Das Ziel war immer: „Ich habe ihn vor seinen Kindern zum Weinen gebracht, ich habe ihn dazu gebracht sich in die Hosen zu scheißen.

Frage: Ist das vorgekommen, dass sich Leute in die Hosen gemacht haben?

Soldat: Ja.

Frage: Warum?

Soldat: Vor allem, weil sie geschlagen wurden. Mörderische Schläge, Drohungen, Geschrei […]

Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft

Dieses Vorgehen, diese Brutalität ist kein Zufall.

Das ist die logische Konsequenz der israelischen Politik, Palästina als Gesellschaft zerstören zu wollen. In kleinen Schritten. Der israelische Politologe Baruch Kimmerling nannte das „Politizid„.

Die „christliche“ westliche Welt lässt sich von diesem Politizid erfolgreich ablenken. Statt sich mit den furchtbaren alltäglichen Tatsachen der israelischen Besatzung auseinander zu setzen, führt sie eine Geister-Debatte über Antisemitismus, die in d i e s e m Kontext nichts verloren hat.

Wird die Aussage 1×1=1 falsch, wenn sie ein Krimineller, ein Masochist oder ein Luftikus macht? Nein. Fazit: Zetert ein Antisemit über Israels Politik der Unterdrückung der Palästinenser, so kann und sollte er angeprangert werden, weil er Antisemit ist, nicht weil er die Besatzung verdammt. Das Motiv des Kritikers mag dabei heikel oder falsch sein, es ändert aber nichts an den Tatsachen (siehe oben „Vor Weihnachten in Bethlehem“).

Nur Antisemiten beklagen „Kriegsverbrechen“ Israels

Wie reflexartig und wie drastisch Kritik an Israel abgewehrt wird, kann man gut am Beispiel des schlimmen Gaza-Kriegs von 2008/09 erkennen. Damals setzte Israel Brandbomben mit weißem Phosphor auch gegen die Zivilbevölkerung ein.

Kritik an Israel ist antisemitisch
Israelisches Flächenbombardement mit weissem Phosphor über Gaza

In Israel beeilte man sich solche Darstellungen als Lügen und antisemitische Hetze darzustellen. Ministerpräsident Netanjahu bezichtigte den Internationalen Gerichtshof des Antisemitismus, weil der eine Untersuchung wegen Kriegsverbrechen in Erwägung zog.

Für Prof. Steinberg von der Bar-Ilan Universität zu Tel Aviv waren die Anschuldigungen in Bezug auf weissen Phosphor nur erneute Beweise für den allgegenwärtigen Antisemitismus:

Die falsche Behauptung zum Einsatz von weißem Phosphor ist Teil eines Schemas der modernen Version der Verleumdung der „blutrünstigen“ Juden.

Pikant: Die israelische Armee hatte anschließend eine interne Untersuchungskommission eingesetzt. Zwei hohe Offiziere wurden für den Einsatz von weissem Phosphor gerügt. Das sollte aber ein vertraulicher Vorgang sein, und nur für die Augen der UN bestimmt. Um nach außen den Schein zu wahren hat die israelische Armee tatsächlich dementiert, dass jemand gerügt worden sei. Soll heissen: Offiziell war man sich keiner Schuld bewußt, und wer Israel weiterhin grundlos anklagen würde, könne das nur aus niederen Motiven tun.

ICC ist antisemitisch

Gerade hat der Internationale Gerichtshof erklärt mögliche Kriegsverbrechen Israels in der Westbank oder in Gaza untersuchen zu wollen. Wohlgemerkt: Ein Gericht erklärt eine Untersuchung einleiten zu wollen. Es ist keine Rede von einem Urteil. Schon gar nicht ohne vorherige Beweisaufnahme und einem folgenden ordentlichen Gerichtsverfahren.

Aber was sagt Benjamin Netanjahu dazu? Er nennt das „puren Antisemitismus“:

Bis auf Weiteres gilt de facto: Kritik an Israel gilt tendenziell als antisemitisch. Unsere Bundesregierung, ein Großteil des Parlaments und der Antisemitismusbeauftragte Klein beförden das.*

Schenkt ihnen „Breaking the Silence“ !

— Schlesinger

Photo 1: screenshot Al Jazeera

Photo 2: Leigh Blackall (https://www.flickr.com/photos/leighblackall/) Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

* Ergänzende Leseempfehlung: „The Gaza war and anti-semitism“ (MJ Rosenberg on HuffPost)

PS.: „Leseempfehlung“ zu Weihnachten: Leon Uris‘ EXODUS. Von über 50 Millionen gelesen. Das Araber-Bild des Rassisten Leon Uris scheint bis heute nachzuwirken.