Holocaust & dann ein frisches JEVER

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Eselstritt des Monats: VOX, JEVER, LBS, SPIEGEL

Begründung:

Am Samstagabend, den 05.04, lief auf VOX ein SPIEGEL-Spezial über Oskar Schindler, das Krakauer Ghetto und die Bestie, den Lagerkommandanten Amon Göth.

Sie haben Schindlers Liste von Steven Spielberg gesehen? Dann erinnern Sie sich an den von Ralph Fiennes gespielten niederträchtigen Mörder und SS-Offizier Amon Göth.

Im Spiegel Spezial werden zahlreiche Originalaufnahmen und Bilder von damals gezeigt. Es kommen mehrere Zeitzeugen und insbesondere Lagerinsassen des Lagers Plaszows zu Wort, die unter anderem von den Schrecken berichteten, die Göth und seine Schergen begangen hatten. Das dauert etwa 30 Minuten.

Schnitt. Weiter nach der Werbung.

Es erscheint als erste Werbeeinblendung das längst wohlbekannte männlich-herbe Gesicht des JEVER-Models. Wie immer steht er in seiner Nordsee-Dünenlandschaft, hat sein Bier in der Hand, lässt sich glücklich nach hinten in den Sand plumpsen, und der Sprecher beteuert, dass das Bier wie das Land sei, friesisch-herb.

Vielleicht bin ich einfach nur zu langsam, um mein Oberstübchen werbegerecht verzögerungsfrei umschalten zu können. Daher verschwimmen auf merkwürdige Weise die Bilder, die ich in der vergangenen halben Stunde aufgenommen habe, mit denen der Werbung. Abgesehen davon, dass mir dieser unpassende Schnitt Weiter nach der Werbung inmitten einer derartigen Dokumentation zuwider ist, wird der Bruch in besonderer Weise verstärkt:

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Auch wenn dieser Aspekt hier nicht entscheidend ist: Der JEVER-Mann hat eine nicht abzustreitende Ähnlichkeit mit Amon Göth (eine Ähnlichkeit mit beiden: mit Ralph Fiennes und dem echten Göth).

Den echten Göth – ist er nicht sympathisch? – sehen Sie oben in der Bildmontage ‚auf Sylt‘. Wenn Sie dazu noch die zahlreichen Bilder von SS KZ-Lagerpersonal kennen, das nach Feierabend in fröhlicher Runde zusammen sitzt, gibt es kein Halten mehr:

Die Bilder purzeln durcheinander, Lagerkommandant Göth gönnt sich sein Friesisch-Herb, ist dabei zufrieden und herb wie seine Landschaft – seine Lagerlandschaft.

Im Bericht wurde vor der Werbepause noch beschrieben, wie die deportierten Juden im Lager ankamen und in die jammervollen Baracken verschafft wurden. Das also – so eine überlebende Zeitzeugin – sollte ihre Heimat sein bis zum Ende ihres Lebens. Auf einem Hügel oberhalb des Lagers thronte Göth in seiner Luxusvilla, und erschoß zum Frühstück Lagerinsassen von seiner Veranda aus.

Nach der JEVER-Werbung kommt die LBS-Werbung: Wir bauen Ihrer Zukunft ein Zuhause. Dazu Bilder von adrett-luxuriösen Eigentumshäuschen.

Thematisch ein feiner Anschluß.

Gegenüber den Überlebenden oder deren Angehörigen ist es allemal ein Affront: Mag Eure Geschichte sein wie sie will, sie ist nicht so verstörend, als dass man nicht zwischendurch ein frisches Pils oder ein hübsches Häuschen anpreisen könnte.

Haben wir es hier wirklich mit einem Fauxpas zu tun? Oder mit dem kalten Zynismus von Werbeprofis, die davon ausgehen (dürfen?), dass sich das Publikum durch die Abfolge von Göth und Sylter Strand gerne zweifach unterhalten läßt: Einmal mörderisch-kalt, einmal Friesisch-Herb.

— Schlesinger

Antwortschreiben der Landesanstalt für Medien auf unser Schreiben, um auf diesen Mißstand aufmerksam zu machen:

die ALM hat Ihr Schreiben an die Landesanstalt für Medien NRW weitergeleitet, da der Veranstalter VOX gemeinsam mit der dctp, die die Reihe „Spiegel-Spezial“ verantwortet, von uns lizenziert worden ist.

Die dctp („Development Company For Television Program“) wurde bereits 1987 gegründet. Gesellschafter sind die Dentsu Inc.,Japan, XXXXXXXX , der Spiegel Verlag und die Neue Zürcher Zeitung.

Die rundfunkrechtliche Verantwortung liegt bei XXXXXXXX, bekannt als kritischer Filmemacher, Schriftsteller und Büchner-Preisträger – und absolut unverdächtig, was das Thema „Drittes Reich“ in all seinen Facetten betrifft.

Ziel seiner Initiative zur Gründung der dctp war es, dass auch im kommerziellen Fernsehen Qualitätsprogramme ausgestrahlt werden. So bietet das Format „Spiegel TV Spezial“ mit seiner außergewöhnlichen Sendelänge (ca. 100 Minuten) etwa die Möglichkeit, besondere historische und wissenschaftliche Dokumentationen auszustrahlen – allerdings im „Korsett“ des Privatfernsehens und zu dessen Gesetzmäßigkeiten. Und hierzu gehören nun einmal, als wesentliches Finanzierungsinstrument, Werbespots.

So sehr man diesen Bruch zwischen anspruchvollem Programm und Werbeunterbrechungen bedauern mag, ohne Werbung gäbe es diese Art von Dokumentationen im Privatfernsehen nicht – und ich denke, dass dies, auch angesichts der von Ihnen beklagten Missstände in diesem konkreten Fall, ebenfalls zu beklagen wäre.

Mit freundlichen Grüßen
XXXXXXXXX

Gemeinsame Stelle Programm, Werbung und Medienkompetenz (GSPWM)
c/o Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen
Zollhof 2
40221 Düsseldorf

Sachzwänge…

(Grafik: (c) Fotolia)

(Photos: © Martina Schneider - Fotolia.com / USHMM)

(Bildmontage MK)