Zum Bloggen oder: Über die 6 Dimensionen des Qualitätsjournalismus

Oder: Bedenke, Du bist nur ein Blogger!

Blogger und der durchschnittliche Journalist haben noch eine Menge zu lernen, ehe sie wahrhaft und nachhaltig erfolgreich sein werden.

Von Ralf Schwartz.

Letzte Woche las ich in der New York Times eine solide Story, während die relevanten Blogs zum Thema nur ihre subjektive Meinung und ein wenig Hörensagen kundtun konnten.
Dieses Erlebnis ließ mich über die Unterschiede der beiden Medien Print und Blog (wenn wir denn soweit gehen wollen) nachdenken.

(Ich will in der Folge gar nicht alle Unterschiede aufzählen und schon gar nicht die Eignung von Blogs für die schnelle Internet-Kommunikation infrage stellen. Ich bleibe subjektiv, ohne parteiisch zu sein. Ich möchte mich auf wenige, nämlich die für mich relevanten Punkte konzentrieren.)

Subjektiv gesagt: Der Unterschied zwischen einem guten Zeitungsartikel und einem Blog-Post ist so gravierend und krass wie der Unterschied zwischen dem Spiegel zu seinen besten Zeiten (also lange her) und dem Markwortschen Fokus.

Während Journalisten der Meinung sind, Blogger würden ihnen die Wurst vom Brot nehmen, sollten sie lieber erkennen, daß unter dieser Wurst meist gar kein Brot ist! Sprich: Die meisten unter ihnen konnten nie zu guten Journalisten werden, weil sie einfach nicht wollten, weil sie einen Job hatten, der ihnen gefiel, sie aber nicht wirklich forderte, so daß sich nie etwas wie Kompetenz, Erfahrung oder Intuition (wie bei den sogenannten alten Hasen) entwickeln konnte.
Man strampelte rum in der Lokalredaktion, durfte dann mal beschreiben, wie wieder ein vermeintlicher Ausländer aufgemischt wird, lernte aber weder eine gute Story, noch eine Story gut zu schreiben, noch einen eigenen Stil zu entwickeln.

Natürlich wurden da die Jüngeren in den letzten wenigen Jahren nervös. So nervös, daß sie begannen, planlos um sich zu schreiben und jeden mit Druckerschwärze zu bekleckern, der ihrer Durchschnittlichkeit zu nahe kam – das waren eben die Blogger, die in ihren feuchten Träumen die Werbemillionen auf sich niederprasseln sahen.

Die Wurst macht kurzfristig satt, grundsätzlich aber fett und träge. Die Wurst fordert die falschen Prioritäten.
Das Brot aber ist das Fundament, die Basis, die Kompetenz. Das Brot sättigt langfristig und unterscheidet, trennt die Spreu vom Weizen.

Wer anderen also nur die Wurst vom Brot nimmt, beißt im Zweifel in die eigene Tischkante.
Leider ist dies immer öfter der Fall, wenn sich Journalisten der ‚Qualität‘ eines Blogs annähern in der fälschlichen Ansicht, dies sei die Zukunft. Oder Journalisten sich der Boulevard-Presse annähern in der fälschlichen Ansicht, da lauere der Erfolg.
Der Kampf um Clicks hat wenig mit der Zukunft des Qualitätsjournalismus zu tun. Das wird man in wenigen Jahren endgültig erkannt haben. Spätestens wenn sich die letzten Manager wieder zurückziehen und die Journalisten vom Schlage Nannen und Augstein zurückkommen (wenn diese Art nicht ausgerottet wird).

,Hintergrund durch Nachhaken

Für gute Journalisten beginnt die Story lange vor dem Schreiben:
Recherche. Die wichtigste Aufgabe des Journalisten. Die Balance unterschiedlicher Meinungen, die Balance unterschiedlicher, sich womöglich widersprechender Fakten.
Das sollte immer mehr sein als planlos zwei, drei Begriffe durch die Google-Klimakiller zu jagen, in der Hoffnung, etwas Relevantes bleibe hängen.

Bei den mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogenen C-elebrity-News erübrigt sich das natürlich, deshalb schreibt ja auch jeder durchschnittliche Reporter darüber, statt sich aus dem Hause zu bewegen.
Deutsche sind da ein wenig, ob der Sprachbarrieren, eingeschränkt, aber der Rest schreibt einfach von einander ab.
Objektivität

Sich selbst zurückzunehmen, nicht parteiisch zu werden, sollte die zweitwichtigste Aufgabe des Journalisten sein. Der Rezipient soll sich nicht beeinflußt fühlen und auch nicht beeinflußt werden.
Er soll in die Lager versetzt sein, sich ein eigenes Bild zu machen.
Er soll mit aller Kraft zum eigenen Nachdenken angeregt werden. Sein Wissen und seine Welt – so klein die beiden auch sein mögen – sollen verunordnet werden.

Relevanz

Hier gehe ich ein wenig weiter als mancher, der da meint, Relevanz werde vom Nutzer bestimmt. Dies funktioniert in einer Verdummungs-Demokratie (wie der sich weltweit auf dem Vormarsch befindlichen) leider nicht mehr.

Ich möchte die bestätigende Relevanz von der herausfordernden Relevanz unterscheiden.
Erstere widerstrebt dem Wandel, der Entwicklung, der Horizonterweiterung, letztere umarmt Wandel, Entwicklung und eben diese Horizonterweiterung.
Nur letztere wird die Welt retten und in nachhaltigen Wohlstand führen können.

Hier liegt eine wichtige Aufgabe des Journalisten: die Unterscheidung zwischen bestätigender und herausfordernder Relevanz und die Entscheidung, welchen Weg er selbst gehen möchte, welcher Weg für den Journalisten die größere Challenge, die befriedigendere Alternative ist.

Wir kennen zwar die landläufige Entscheidung, sehen hier aber gleichzeitig die größten Chancen für guten Journalismus.

Entwicklung der Story und Kontextualisierung

Den Leser ins Boot holen. Die Geschichte so umfassend, aber auch so kurz wie möglich zu schildern. Zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden.

Wie in einem guten Buch(!) sollten die Protagonisten eingeführt werden. Man sollte als Leser nicht mitten in die Story platzen müssen. Man sollte die Vorgeschichte und den Kontext kennenlernen dürfen.
Eine Gratwanderung, sicherlich. Aber auch die Kunst des Journalisten, Autors, Bloggers.

Es kann also helfen, den Leser zu kennen, statt ihm von oben herab in Stein gemeißelte Monologe zuzuunken.

Leidenschaft

Leidenschaft, wie ich sie meine, macht aus einem guten Artikel einen großartigen Artikel.
Diese Leidenschaft wächst mit der Erfahrung, wächst mit der Intuition.

Wohlwissend, daß manch einer es unprofessionell findet, wenn Journalisten ihre Meinung kundtun, würde ich mir manchmal trotzdem eine etwas emotionalere Tonalität wünschen, eine Leidenschaft, die ich spüren und fühlen möchte, die ja nicht aufdringlich sein muß.

Emotionalität ist Merkmal des engagierten Journalismus. Herzblut kann man nicht spielen. Passion ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Leidenschaftlich zu schreiben ist eine Kunst, die man nicht in der Journalistenschule lernt, sondern dorthin mitbringen muß.
Man muß das Feuer gefühlt haben, das in einem brennt.

Diese Leidenschaft fehlt mir in den meisten Blogs genauso wie in den allermeisten Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften und Online.

Wohl gemerkt: Ich möchte keine Stimmungsmache und kein tumbes Draufschlagen. Ich möchte intelligente, differenzierede Leidenschaft.

Involvement und Diskussion

Ich möchte die Nähe des Journalisten oder Bloggers zu seinen Lesern spüren können, in seinen Worten (Texten) und in seinen Taten (Involvement, Streetcredibility, Diskussionsfreude, etc.).

Er muß dafür nicht überall und sofort verfügbar sein. Er muß nicht twittern, facebooken, myspacen und dabei auch noch autofahren. Er sollte ein, zwei Anlaufpunkte haben und seine Leser ernstnehmen.

Fazit

Alles eine Sache der Einstellung!

Zuersteinmal sollte der Journalist sein bestes geben und sich ständig weiterentwickeln!
Er sollte kontinuierlich überprüfen, wo er steht mit dem, was er sein bestes nennt, damit dieses beste nicht durchschnittlich bleibt (oder gar wird, weil die anderen an einem vorbeiziehen).
Er sollte sich den neuen Mitspielern gegenüber nicht verschließen, sondern öffnen.

Blogger und Journalisten sollten sich professionalisieren und mehr schreiben als nur zu hoffen, berühmt zu werden.

Beide sollten nicht nach Quantitäten schielen, sondern nach Qualität trachten.
Denn die wird sich langfristig durchsetzen.

Qualität entscheidet, wohin sich eine Gesellschaft in der Tiefe entwickelt. Deshalb ist sie so immens wichtig und unverzichtbar.
Qualität ist unsere Zukunft.

Quantität ist nur eine weitere Eiterblase auf der pickligen Oberfläche der Welt.“

Der Beitrag von Ralf Schwartz wurde unter dieser CC-Lizenz von dessen Blog „médiaclinque“ übernommen (siehe Link oben).

Danke dafür!

Anmerkungen des Transatlantikblogs

Eingehen möchte ich nur auf die vom Autor offenkundig ins Auge gefasste Kategorie der ambitionierten „politischen“ Blogger (Möglicher alternativer Ansatz: Bloggen ist eine soziale Tätigkeit, innerhalb derer prinzipiell alles erlaubt und gerechtfertigt ist. Ich selbst will hier keine Defintion anbieten, sondern beziehe mich nur auf den o.g. Autoren).

Dem Eingangsbefund stimme ich den deutschen Sprachraum betreffend weitgehend zu, wenn auch nicht in der Schärfe der vernichtenden amerikanischen Analyse von diesem Frühjahr, die zum provokanten Schluß kam, deutsche Blogger seien unpolitisch und unreif:

Blogs Making Baby Steps in German Politics

Aber: Angesichts der schieren Menge an Blogs besteht in aller Regel ein gehöriger qualitativer Unterschied zwischen solidem Jounalismus und – wenn auch engagiertem – Bloggen.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Davon nehme ich in bestimmter Hinsicht unser Blog nicht aus. Es wäre vermessen so zu tun, als würde man mit einem Bruchteil an Zeitaufwand ein ähnliches Niveau erreichen, auf das man mit journalistischer Ausbildung plus einer wenigstens achtstündigen Beschäftigung gelangt (oder gelangen kann). Natürlich kann Begabung oder ein scharfsinniger Zugriff auf die jeweiligen Themen helfen. Dennoch ist dem Blogger tendentiell ein engerer Rahmen gesetzt als dem Profi.

Im übrigen stellt sich auch die Frage nach der Motivation des Bloggens.

Diesen Punkt hat Ralf Schwartz nicht berücksichtigt (mußte er nicht).
Unausgesprochen scheint er davon auszugehen, dass sich Blogger immer als eine Art besonders unabhängige freie Journalisten betrachten, die sodann „der Wahrheit eine Gasse“ schlagen möchten. Das sehe ich nicht so.

Bloggen kann auch schlicht Hobby sein.

Jemand interessiert sich für bestimmte Themen, kennt sich (hoffentlich) hinreichend darin aus, hat Spaß am Schreiben und teilt sich dem Netz mit. Der Unterhaltungscharakter darf durchaus im Vordergrund stehen.
Wie bei traditionellen Hobbys kann dieses Hobby recht aufwändig und mit viel Liebe zum Detail betrieben werden.

Oder: Bloggen kann schlicht Parteinahme sein.

In unserem Fall (Transatlantikblog) trifft eine Mischform zu: Wir sind hinsichtlich der Berichterstattung zu den US-Wahlen sehr parteiisch. Das hat sich allerdings erst so ergeben. Zunächst waren wir John McCain gegenüber weitgehend neutral und aufgeschlossen eingestellt (tja, die Erinnerung an den früheren „Maverick“). Nach reichlicher Beschäftigung mit dem Thema und insbesondere angesichts seiner furchteinflößenden Wandlung stellt er sich uns als Sargnagel für die USA dar. Parteiisch zu sein heißt nicht zwangsläufig fehlerhaft zu informieren. Das Gegenteil kann zutreffen. Man hat Partei ergriffen, weil man besser informiert ist. Nur: Dem Leser sollte der Redlichkeit halber deutlich sein oder deutlich gemacht werden, dass man bereits Partei ergriffen hat.
Hinsichtlich unserer restlichen Themen im Blog steht durchaus der Versuch einer ansatzweise unparteiischen Information im Vordergrund, die dabei pointiert vorgetragen werden kann. Was mich anbelangt: Meine Ausbildung als ‚gstudierter Historiker plus Soziologie und Politologie kommt mir bei der Recherche und in der Darstellung (hoffentlich) zugute, aber als Blogger bin ich ausdrücklich nicht in der reinen Eigenschaft als Historiker unterwegs. Dafür sind Bücher gedacht.

Weitgehend schweigen möchte ich zur Exremform der Parteinahme in Blogs, die nur als Agitation bezeichnet werden kann. Das hat meines Erachtens nichts mit Bloggen zu tun, sondern ist die Übertragung des Straßenkampfes in den virtuellen Raum des Internet und hat nur die äußere Form des Blogs. Dabei allerdings kann sich der virtuelle Raum höchst konkret auf die Straße zurückverlagern, wie man sehr gut am Beispiel der Vorgänge um Pro-Köln ablesen kann.

Furcht der traditionellen Medien?

Ich habe nicht den Eindruck, als würden sich die traditionellen Medien vor den Bloggern fürchten. Wieso auch? Die Reichweite der Blogs ist bislang weitgehend auf das Netz und dort wiederum auf ein begrenztes Publikum beschränkt (dummerweise bin ich just vor wenigen Tagen über eine aussagekräftige aktuelle Studie zur Reichweite von Blogs gesolpert, kann sie aber nicht mehr finden).

Selbst die größten und reichweitenstärksten Blogs sind „auf der Straße“ so gut wie niemandem bekannt. Selbst das Wort „Blog“ kann nur von ca. 20% der Bevölkerung einigermaßen zugeordnet werden.

Auch hier besteht ein Unterschied zwischen den USA und Deutschland. Die großen Blogs drüben haben durchaus einen Erkennungswert, und ich spreche nicht nur von der hinlänglich bekannten und als Blog-Zeitungsmischform brillianten Huffington Post.

Die Wurst vom Brot klauen

Tja, ein heikler Punkt, der aber oft zutrifft.

Darüber legen sich die meisten (politisch / gesellschaftlich orientierten) BloggerInnen keine Rechenschaft ab. Keine(r) von ihnen verfügt über eigene Berichterstatter oder sonstige geeignete Beziehungen vor Ort, um den eigenen Bericht mit einer „unabhängigen“ Qualität versehen zu können.

Man muss sich auf irgendwelche Quellen stützen und sich die Basisinformationen daraus entnehmen, um seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Aus dem Leeren läßt sich nunmal schlecht schöpfen.

Das war gut zu beobachten am Beispiel des Georgienkonflikts. Es geht mir an dieser Stelle nicht um die „Schuldfrage“, sondern um den Umgang damit. Zu einem erstaunlich frühen Zeitpunkt wurden Gewißheiten zur Schuldfrage angeboten, die aus einer fragwürdigen Distanzanalyse resultierten (in den traditionellen Medien war das teils genauso, aber das ist hier nicht das Thema).

Die Bewertungsgrundlage für die eine oder andere Darstellung schien aus persönlichen Präferenzen bestanden zu haben. Diejenigen, die Saakaschwili und / oder Washington zutiefst mißtrauen, haben aus dem Stegreif und mit großem Fleiß Argumente für diese Option gesammelt und vice versa. Eine Fülle von Argumenten muß nicht immer den objektiven Sachverhalt beweisen. In der Hitze des Konflikts schien der Drang zur eindeutigen Schuldzuweisung große gewesen zu sein. Dabei wurde außer acht gelassen, dass sich bestimmte Konflikte so fein granuliert anbahnen, dass ein Auseinanderhalten von Schuld und Unschuld kaum mehr möglich ist. Das ist die Grundform der griechischen Tragödie: Beide Parteien haben ihre (legitimen) Interessen und zerfleischen sich darüber.
Wenn aber der Drang des Bloggers zur eindeutigen Schuldzuweisung übermächtig ist, sieht man selbst in einem so schwer durchschaubaren Fall wie dem Kaukasus über das Gebot zur Zurückhaltung hinweg und versucht die Dinge klarer zu rücken, als sie in Wirklichkeit sind.

Oswald Spengler schreibt zu dieser allzu menschlichen Tendenz im „Untergang des Abendlandes„:

der Mensch sammelt, ordnet und überblickt sein System, sein Dogma von gesetzlichen Zusammenhängen und findet in ihm eine Zuflucht vor dem Unvorhergesehenen.

Das „Unvorhergesehene“ ist in diesem Fall die mögliche Ungewißheit, wie es um eine so bedeutende Sache wie dem Krieg im Kaukasus bestellt ist. Orientierungslosigkeit hat immer mit Furcht zu tun.
Die Beseitigung dieser Furcht durch wortreiche Festlegung auf eine (vorschnelle) Erklärung ist eine nicht zu unterschätzende Handlungsmotivation.

Relevanz

Hierzu schreibt der Autor:
„Nur letztere [die „herausfordernde“ Relevanz] wird die Welt retten und in nachhaltigen Wohlstand führen können.“

So eine Formulierung kitzelt ein bisschen meine Neigung zum Sarkasmus. Die Blogosphäre rettet bei Anwendung der „herausfordernden Relevanz“ die Welt? Man möchte fast meinen, der Autor hat sich in der Blogosphäre noch nicht recht umgesehen. Die Anschauungen, Meinungen, Argumente, Provokationen, Agitationen etc.pp. sind verteilt, wie sie nun einmal verteilt sind und es schon immer waren. Die guten Ratschläge in dieser Richtung sind leider nur solche aus dem Elfenbeinturm.

In einem hat der Autor natürlich recht: Einige oder viele orientieren sich an solchen hehren Zielen. Dabei schießen nicht wenige übers Ziel hinaus und meinen wirklich, sie würden Dinge bewegen.

Oswald Spenglers lakonische Feststellung trifft natürlich auch auf allzu ambitionierte Blogger zu:

alle Weltverbesserer, Priester und Philosophen sind einig in der Meinung, dass das Leben eine Angelegenheit des schärfsten Nachdenkens sei, aber das Leben der Welt gilt seine eigenen Wege und kümmert sich nicht um das, was von ihm gedacht wird

„Bedenke, Du bist nur ein Blogger!“

Wen wir über Relevanz des Bloggens sprechen, sollten wir also besser über eine klitzekleine Relevanz des Bloggens sprechen. Die großen Zahlen an Klicks oder Hits mögen manchem Blogger vorkommen wie das brandende Applaudieren der Menge im alten Rom beim Rückkehr der siegreichen Legionen. Die Internet-„Schlachten“ der (politischen / gesellschaftlich orientierten) Blogger sind allerdings oft nur Scharmützel, bisweilen nur Schulhofrempeleien. Insofern braucht es als Ratschlag nicht den auf dem Kampfwagen mitfahrenden Diener mit dem Lorbeerzweig, der uns zuflüstert „Bedenke, Du bist nur ein Blogger!“, sondern die schlichte Ermahnung „Bleib mal auf dem Teppich.“

Hintergrund durch Nachhaken

Hier mahnt der Autor völlig zurecht die Recherchearbeit an, die bisweilen komplett zugunsten von „Intuition“ oder einfachem „Besserwissen“ ignoriert wird. Diese Forderung nach Fleissarbeit kann man gar nicht überstrapazieren. In dieser Hinsicht dürfte – formal betrachtet – der Spiegelfechter Vorbildfunktion haben (wobei ich angesichts der Artikelumfänge fast vermute, dass Jens Berger seinen Blog wenigstens als Halbtagsjob und damit als Profession betreibt oder aber kein Privatleben hat ;-), Chapeau so oder so).

Nun sehen sich recht viele politisch ambitionierte Blogger in der Funktion, eine „Gegenwelt“ wider den „mainstream“ aufbauen zu müssen. Hier habe ich meine Zweifel.

Weiter oben wurde bereits die fehlende Grundlage einer eigenen „Logistik“ angesprochen.

Selbstmanipulation der „Gegenwelt“-Blogger

In Jurassic Park (Teil 1) konnte man sich an einem schönen Satz des Chaostheoretikers, gespielt von Jeff Goldblum, ergötzen: Nein, wir machen nicht dieselben Fehler, dafür machen wir andere!

Für viele aus der Gegenwelt-Blogosphäre gilt vielleicht beides: Sie machen dieselben und neue Fehler.

Hierzu ist der Essay „Ich wünschte ein Bürger zu sein“ des großen Dolf Sternberger von 1967 mit dem Absatz „Information – Manipulation – Kommunikation“ sehr aufschlußreich:

Im Herbst 1948 kann ich auf der Reise von New York nach Frankfurt im Flugzeug mit einem Manne von gewaltiger Statur ins Gespräch, einem Amerikaner […]
Der erklärte mir – als einem Deutschen -, das amerikanische Volk sei nur durch die systematische Propaganda des teuflischen Präsidenten Roosevelt in den Krieg gegen Deutschland hinein gehetzt worden, und ich möge es nun glauben oder nicht, Roosevelt habe den Leuten dort u. a. sogar die Geschichte aufgebunden, dass Hitler Millionen Menschen in Konzentrationslager mithilfe von Gas umgebracht habe. […]

[…] der Fall ist in verschiedener Hinsicht höchst lehrreich. Erstens deswegen, weil ich hier jemand offenbar sieben lange Jahre [… ] dem Ansturm der Informationen seiner eigenen Regierung, der privaten Rundfunk und Fernsehanstalten und der gleichfalls privaten Zeitungen seines eigenen Landes widerstanden hatte und wie er noch bereit geblieben war, dem Kriegsgegner Glauben zu schenken.

Lehrreich zweitens deswegen, weil dieser Mann es also für möglich hielt, ja für gewiß annahm, dass alle Informationsorgane seines riesigen Landes bis herab zu seiner Lokalzeitung in Reno/Nevada, tatsächlich in diesem wichtigen Punkte der Nachrichten über Deutschland von einer einzigen Böswilligen stelle gelenkt oder manipuliert worden seien.

Lehrreich ist – mit anderen Worten – dass der Mann seine Ohren allen diesen Informationen gegenüber verschlossen hat, weil er von einem elementaren Argwohn gegen die gesamte Nachrichtenpolitik seines Landes unter der Führung der Regierung Roosevelt erfüllt, ja besessen war.

Und lehrreich ist der Fall drittens deswegen, weil der ganze erstaunliche Aufwand an moralischer Widerstandskraft und geistiger Hartnäckigkeit, der doch offenbar nötig war, solchen Argwohn, solches misstrauen, solche Ungläubigkeit sieben jahrelang durchzuhalten, sich nun am Ende als vertan erwies: gerade diejenigen Informationen, die er für die tollsten Lügen hielt, stellten sich als zutreffend heraus […]

um zu entdecken, dass er informiert worden war, wo er gemeint hatte, manipuliert zu werden, und dass er sich selbst betrogen hatte, wo er gemeint hatte, sich gegen den von überallher andrängenden Betrug immunisiert zu haben. […]

Es war […] sein eigener, individueller, höchstpersönlicher Manipulationsargwohn, sein stolzer und heroischer Eigensinn, dem er zum Opfer gefallen war.

Kurzum: Mißtrauen um des Mißtrauens willen ist ein schlechter Ratgeber.

Es ist mit der übertriebenen Furcht auch ein bisschen wie mit dem Glauben an den lieben Gott: Beweise mir das Gegenteil! Beweise jemand, dass eine Regierung NICHT auf breiter Front manipuliert. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Unnötig zu sagen, dass es natürlich groß angelegte Manipulationsversuche gibt. Das gab es nicht nur unter Goebbels, sondern auch in großem Stil unter George W. Bush. Und dennoch – das wird aus der Distanz über den großen Teich gerne übersehen – gab es von vornherein auch große „mainstream“-Blätter wie etwa die Los Angeles Times, die sich nicht haben einlullen lassen und auf kritischer Distanz geblieben sind.

Mein Eindruck ist, dass einige der Blogs, die sich als Anti-mainstream verstehen, genau in die von Sternberger beschriebene Falle gelaufen sind. Die Verlockung dazu ist unendlich groß und wiederum allzu menschlich: Ich weiß es besser, ich bin nicht manipulierbar, ich bin klüger. Hinzu tritt die Dynamik der (virtuellen) Gruppe und schon hat man das schönste geschlossene System einschließlich immanenter Selbsterhaltung.

Dieses System des Mißtrauens ernährt sich daher wunderbar aus sich selbst und bleibt bestehen bis zum Jüngsten Gericht. Hier könnte man zu Luhmanns Systemtheorie wechseln, aber dafür ist das Wetter zu gut. Wie sagte Nietzsche gleich? Traue keinem Gedanken, der nicht an der frischen Luft geboren wird. Also nix wie raus jetzt!

Wie schnell ist man angegraut von den Gedankens Blässe.

— Schlesinger

PS 1: Nochmals Danke an den Autor für den insgesamt produktiven Beitrag.

PS 2: Einen frischen, auflockernden Kommentar hat „Petra – writingwoman“ auf Basic Thinking abgegeben, den ich hier gerne zum Teil wiedergeben möchte:

„[ …] Dabei bieten Blogs doch die Chance, sich sein eigenes Bild zu machen.

Dem Journalismus war man früher in gewisser Weise ausgeliefert, weil ja nur zu sehen / zu hören / zu lesen war, was einige (relativ) wenige Leute der breiten Masse vorgesetzt haben.

Jetzt äußert sich die Masse selbst dazu. Und wenn jemand bei einem Thema mal nicht so sattelfest ist, dann lese ich eben noch vier fünf Blogs zum selben Thema und picke mir das Richtige heraus. Die klassischen Medien darf man schließlich ebenfalls nicht unreflektiert lesen, denn auch dort sind schon üble Fehler vorgekommen.

Ich finde die Chance, viele Dinge aus ganz persönlichen Blickwinkeln entdecken zu können, einfach großartig. Wenn ich was blöd finde, denke ich mir eben meinen Teil.“

Sebastian Haffner, einer der wahrhaft unabhängigen Geister erster Ordnung:

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(Photo: el judio)