Zionismus und Nietzsche: Herzl

osmanische Patrouille vor Gaza 1830

Als der Philosoph Friedrich Nietzsche im Jahr 1900 starb war der Begründer des politischen Zionismus Theodor Herzl auf dem Höhepunkt seines politischen Schaffens.

Der große Wendepunkt im Leben des angesehenen Wiener Journalisten Theodor Herzl war nur wenige Jahre zuvor mit der Dreyfus-Affäre gekommen.

Der Jude Alfred Dreyfus war Hauptmann im französischen Generalstab und wurde 1894 unter der falschen Anschuldigung des Hochverrats verhaftet. Er wurde zu lebenslanger Verbannung verurteilt und auf die Teufelsinsel vor der südamerikanischen Küste verbracht.

War nicht die Dreyfus-Affäre von 1894 der erneute Beweis, dass die viel gepriesene Assimilation von Juden in die christliche Umgebung nicht funktionieren würde? Wie oft sollten Juden noch Ausgrenzung erleben, wie oft noch Pogrome über sich ergehen lassen müssen? Wie lange sollte man das alles demütig hinnehmen? War es nicht höchste Zeit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen?

In jenen Jahren hatte es Nietzsche schon zu einiger Popularität gebracht. Der Befürworter einer neuen Stärke wollte ungünstige Lebensumstände nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance zur Weiterentwicklung:

Prüfet das Leben der besten und fruchtbarsten Menschen und Völker und fragt euch, ob ein Baum, der stolz in die Höhe wachsen soll, des schlechten Wetters und der Stürme entbehren könne:

ob Ungunst und Widerstand von aussen, ob irgend welche Arten von Hass, Eifersucht, Eigensinn, Misstrauen, Härte, Habgier und Gewaltsamkeit nicht zu den begünstigenden Umständen gehören, ohne welche ein grosses Wachsthum selbst in der Tugend kaum möglich ist?

Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft §19, 1882

Solche Ansichten hallten unter vielen europäischen Juden nach. Theodor Herzl hatte schon früh Bekanntschaft gemacht mit den Werken Nietzsches.

Für Herzl war klar: Die jahrhundertelange Erniedrigung der Juden mußte umgeformt und umgeleitet werden auf eine neues Ziel hin.

Der Judenstaat

1896 gibt Herzl sein Buch „Der Judenstaat“ heraus. Darin fordert er die Gründung eines jüdischen Staates:

Bin ich meiner Zeit voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht groß genug? Wir werden sehen.

Wenn die jetzige Generation noch zu dumpf ist, wird eine andere, höhere, bessere kommen.

Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben, und sie werden ihn verdienen.

Aus: Der Judenstaat, Einleitung

In den Formulierungen Herzls ist die Verachtung für die bisherige politische Antriebslosigkeit der europäischen Juden nicht zu überhören: „Wenn die jetzige Generation noch zu dumpf ist„. Ebenfalls ist die Anrufung an eine Stärke à la Nietzsche nicht zu überhören: „wird eine andere, höhere, bessere [Generation] kommen.

Nach der Dreyfus-Affäre und mit dem Ziel eines Judenstaats vor Augen hatte sich Herzl einer Härte verschrieben, die ganz im Sinne Nietzsches war:

Ich denke nicht über den Tod nach, sondern über ein urwüchsiges und impulsives Leben, in dem alles Niedrige überwunden wird, voll heroischer Taten

Übersetzt aus Jacob Golomb, Nietzsche and Zion, S. 33

Herzl widmete sich dem Zionismus fortan mit beinahe „übermenschlicher“ Kraft. Schon 1897 konnte er den Ersten Zionistenkongress nach Basel einrufen. Über 200 jüdische Abgeordnete kamen nach Basel, also ausgerechnet in die Stadt, an der Professor Friedrich Nietzsche zuvor den Tod Gottes verkündet und den Übermenschen beschworen hatte.

Für Herzl war Nietzsche offenkundig der richtige Denker zur richtigen Zeit.

Das eine oder andere Lob Nietzsches über die jüdische Kultur hat dabei nicht geschadet. In Menschliches, Allzumenschliches schrieb Nietzsche:

in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und Ärzte, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange festhielten und Europa gegen Asien vertheidigten.

Mit „Asien“ waren die Muslime Vorderasiens gemeint, das man heute eher als Naher oder Mittlerer Osten bezeichnen würde.

Man möchte fast meinen, dass Herzl diese Formulierung Nietzsches in seinem „Judenstaat“ aufgegriffen hat, um den politischen Führern Europas die Idee eines jüdischen Staates in Palästina schmackhaft zu machen:

Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen.

— Schlesinger

Bild: Osmanische Patrouille vor Gaza; Zeichnung David Roberts, 1830 (gemeinfrei)