Israel 25 Jahre nach Attentat auf Rabin

Attentat auf Rabin
Bald der innere Zustand Israels?

Der Brandstifter von damals ist auch der Brandstifter von heute.

Der Brandstifter: Das ist Benjamin Netanjahu, der amtierende Ministerpräsident Israels.

Vor 25 Jahren war er als Führer des rechten Likud radikaler Gegner von Ministerpräsident Jitzhak Rabin. Rabin hatte 1993 zusammen mit PLO Führer Arafat und US Präsident Bill Clinton das erste Oslo-Abkommen geschlossen.

Was für die einen ein Schritt in eine bessere, friedlichere Zukunft für Israelis und Palästinenser war, galt den anderen als Verrat.

Die einen: Das war in Israel die damals noch große und aktive israelische Linke, und die Arbeiterpartei mit Ministerpräsident Rabin an ihrer Spitze.

Die anderen: Das waren der Likud mit Netanjahu, im Verbund mit nationalistischen jüdischen Siedlern und verbissenen Ultra-Orthodoxen.

Der Rabbiner Schlomo Aviner bezeichnete Rabin als „Din Rodef“ und „Din Moser„, also als Schädling und Verräter am jüdischen Volk. Wer als rodef oder moser gilt darf nach jüdischem Glauben getötet werden. Netanjahu tat sein Bestes, um die Stimmung im Volk gegen Rabin zu befeuern.

Nachdem der junge religiöse jüdische Attentäter Yigal Amir zur Tat geschritten war und Jitzhak Rabin am 04. November 1995 mit zwei Schüssen aus nächster Nähe erschoss, wusch Netanjahu seine Hände in Unschuld.

Israel: Kein Frieden, nie mehr

Zusammen mit Jitzhak Rabin ist ein Teil von Israel gestorben: Der Teil, der an einen echten Frieden mit den Palästinensern geglaubt hat. Die Linken.

Nach dem Attentat auf Rabin hat es eine Zeitlang noch so ausgesehen, als würde das Land zusammenrücken. Die Scham war groß, dass ein Jude einen jüdischen Ministerpräsidenten ermordet hatte.

Attentat auf Rabin
Wieviel Gemeinsamkeit gibt es noch in Israel?

Rabins Nachfolger Schimon Peres hatte keine glückliche Hand. Er wollte weiter den Weg Rabins gehen, aber zugleich so ein „harter Hund“ sein wie Herausforderer Netanjahu. Dieses Kalkül ging nicht auf. Netanjahu wurde von einer Welle von Attentaten der Hamas ins Amt gespült.

Netanjahu annulierte Rabins klugen Satz

Den Frieden verhandeln, als gäbe es keinen Terrorismus, und den Terrorismus bekämpfen, als gäbe es keinen Frieden.

Jitzhak Rabin

Für Netanjahu gab es nur noch Kampf. Die Linken blieben angesichts des Terrors und der wachsenden Zustimmung zu Netanjahu ratlos zurück.

Spätestens ab dem Jahr 2000 und der Zweiten Intifada gab es keine Linke mehr. Sie wurde vom damaligen Ministerpräsidenten Ehud Barak erfolgreich belogen. Ehud Barak hatte angesichts der gescheiterten Verhandlungen von Camp David desselben Jahres posaunt: Wir haben den Palästinenern alles angeboten, aber sie haben alles ausgeschlagen.

Dabei waren die Linken nicht naiv gewesen. Sie lebten ja im selben Land wie die Rechten. Viele von ihnen haben die Kriege Israels seit der Gründung im Jahr 1948 erlebt. Sie wußten wie klein das Land Israel ist, von welchen Ländern und zum Teil radikalen Führern es umgeben war. Sie kannten den langjährigen Terror der PLO. Sie ahnten, dass man Arafat nicht trauen konnte. Dann erlebten sie den noch blutrünstigeren Terror der Hamas.

Doch bei all dem hatten die Linken den Rechten eines voraus: Sie wußten, dass die Gegnerschaft der Palästinenser nicht vom Himmel gefallen war. Sie akzeptierten, dass es die massenhafte Vertreibung der Palästinenser in den Kriegen von 1948 und 1967 gab. Sie wußten, dass die unzähligen israelischen Verunglimpfungen und Herabsetzungen der Araber nur ein billiges Mittel war, eine härtere Gangart einzulegen.

Rabin: Brecht ihnen die Knochen!

An den Erfolg einer harten Gangart glaubte auch Yitzhak Rabin die längste Zeit.

Als 1987 die Erste Intifada ausbrach war Rabin Verteidigungsminister. Zur Niederschlagung des Palästinenser-Aufstands hatte er seinen Soldaten die Losung ausgegeben: „Brecht ihnen die Knochen!„.

Doch als Rabin 1993 zum zweiten mal Ministerpräsident war, hatte sich seine Haltung zu den Palästinensern geändert. Rabin war zu dem Schluss gekommen, dass die jahrzehntelange israelische Politik der Härte zu nichts geführt hatte. So sehr er Arafat misstraut und anfangs geradezu verachtet hatte, so sehr wuchs in Rabin die Überzeugung, dass man zu einem echten Frieden kommen müsse – nicht zu einem Diktatfrieden.

Das brachte Rabin den Tod.

Ideologie und Strategie Netanjahus

Seit damals hat sich Israel drastisch verändert.

Jahr um Jahr hat Israel mehr von der Ideologie und der Strategie von Benjamin Netanjahu angenommen.

Die Ideologie Netanjahus: Palästinenser sind geborene Terroristen.
Die Strategie: Israel muss mit möglichst vielen arabischen Anrainern wirtschaftlich so eng zusammen arbeiten, dass sie die Vorteile höher schätzen als die Verbundenheit mit ihren arabischen Brüdern und Schwestern in Palästina.

Die Palästinenser sollen von allen zurück gelassen werden, bis sie sich zufrieden geben mit den Brosamen, die ihnen ein siegreiches Israel anbietet. Jesaja 24:6 könnte – abgewandelt auf die Palästinenser – das Motto Netanjahus sein:

Darum frißt der Fluch ihr Land; denn sie verschulden’s, weil sie darin wohnen. Darum verdorren die Einwohner des Landes, also daß wenig Leute übrigbleiben.

Aus Sicht Netanjahus hat sich seine Ideologie und Strategie bewährt. Die ganz überwiegende Mehrheit Israels sieht das genau so.

Der Zeitgeist und die amerikanische Politik scheinen Netanjahu Recht zu geben. Dieser Schluß ist aus vielen Gründen trügerisch, aber aus einem Grund vielleicht besonders tragisch.

Die Ideologie der Härte hat sich längst in die israelische Zivilgesellschaft gefressen. „Linke“ oder „liberale“ Haltungen gelten zunehmend als Verrat, nicht als Ausdruck politischer Meinung.

In welche autokratischen, halb-diktatorischen Verhältnisse diese gesellschaftliche Verhärtung führen kann, hat der israelische Autor Yali Sobol in seinem Roman „Die Hände des Pianisten“ eindrucksvoll geschildert.

Die „einzige Demokratie des Nahen Ostens“ könnte sich in absehbarer Zeit siegreich zugrunde gerichtet haben.

— Schlesinger

Anm.: Das Zitat vom „Brandstifter“ stammt von Shimon Sheves, dem ehemaligen Generaldirektor unter Jitzhak Rabin; aus: Jerusalem Post v. 29.10.2020 „Israel has learned nothing from Rabins assassination“

Photo 1: CafeTelAviv, Aufnahme eines Austellungsobjekts aus „I am not legend“ von Andrea Mastrovito

Photo 2: by Nicole Baster on Unsplash