Dieses Jahr in Jerusalem

Attentat.

Das wäre meine Antwort auf die Frage “an was denken Sie beim Stichwort Israel zuerst?”

Diese Antwort hat ihren Grund nicht etwa in unzähligen Zeitungsberichten über palästinensische Selbstmordattentäter.

Als ich Anfang der neunziger Jahre das erste mal nach Israel fuhr, war die erste Intifada noch in vollem Gange.

Wir wußten das zwar, aber waren uns der damit verbundenen Umstände nicht vollkommen klar.

Am Tag nach unserer Ankunft spazierten wir schnurstracks in einen Bombenalarm.

Auf dem großen Platz in Tel Aviv fing plötzlich alles an zu rennen, was wir zunächst nur mit Verwunderung zur Kenntnis nahmen.

Irgend jemand schrie uns im Vorbeilaufen an: “Run, run!” Das haben wir befolgt, um wie alle anderen das Weitere in gebührendem Abstand zu verfolgen.

Binnen weniger Minuten war ein Einsatzkommando vor Ort. Spätestens seit der Oscarverleihung an “The Hurt Locker” über einen Bombenentschärfungstrupp in Bagdad kennt man die in dicke Schutzkleidung gepackten Soldaten, die aussehen wie das Michellin-Männchen.

Genau so einer stieg aus dem Einsatzfahrzeug und ging über den inzwischen menschenleeren Platz. Neben einer Parkbank stand ein größerer Koffer, den er unter die Lupe nahm. Nach zehn Minuten gab er Entwarnung.

Das Publikum schlenderte weiter. Binnen Minuten nahm das Leben wieder seinen normalen Lauf. Eine Alternative gab es ohnehin nicht.

Wie wird es dieses mal sein, nach so vielen Jahren? Attentate gibt es derzeit keine. Aber unruhig ist es unter der relativ ruhigen Oberflächliche, sehr unruhig.

Checkpoint

In Ost-Jerusalem gärt es aufgrund des fortgesetzten Siedlungsbaus.

Weit und breit sind keine Fortschritte bei den mehr oder weniger indirekten Verhandlungen erkennbar.

In der Zeit vor 1987, also dem Ausbruch der Ersten Intifada, war es ähnlich. Aus dem Schockerlebnis des leidlich überstandenen Yom-Kippur-Kriegs von 1973 heraus gründete sich eine zweite, radikalere Siedlerbewegung. Das war die Geburtsstunde des “Block der Gerechten” (Gush Emunim).

Mit Ariel Scharon als dem zuständigen Minister wurde die Siedlungspolitik im Westjordanland scharf forciert. Aus 5000 Siedlern in 1974 wurden 100.000 bis Anfang der Neunziger. Zwar kam in der Zwischenzeit der Frieden mit Ägypten, aber der wurde von weiten arabischen Kreisen eher als Verrat als ein Ausdruck für dauerhaften Frieden empfunden.

Die damals andauernde Perspektivlosigkeit unter den Palästinensern, verbunden mit der bedrückenden Besatzung ließ ein letztlich beliebiges Ereignis in Gaza ausreichen, um die Intifada auszulösen.

Beides gilt für die heutige Situation: Perspektivlosigkeit in Bezug auf Friedensverhandlungen und die mit der Besiedlung einhergehende harte Besatzungssituation in der Westbank.

Eins allerdings ist neu:

Eine inzwischen beachtliche palästinensische Graswurzel-Bewegung, die in der Westbank auf passiven Widerstand und friedliche Aktionen setzt. Viele nennen Mahatma Ghandi als Vorbild für diese neue Form des Widerstands. Die Weltöffentlichkeit, so lautet das berechtigte Kalkül, soll durch Friedfertigkeit beeindruckt werden, die einer gerechten Sache dient.

Ob sich diese neue Form als dominierende Kraft und als eine Kraft etablieren kann, die auch Ergebnisse mit sich bringt, muss sich erweisen. Bis dahin wird niemand verlässlich prognostizieren können, was die aktuell bleierne Zeit mit sich bringt.

Ich bin jedenfalls auf meine neuen Eindrücke vor Ort sehr gespannt und lasse mich überraschen.

Bitte, lieber Eyjafjallajökull, halt mal die paar Tage die Luft an.

— Schlesinger

PS.: Israel, nachträglich alles Gute zum Geburtstag (14. Mai). I mean it.

Photo: MichaelRamallah, Flickr CC Lizenz

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