Grosser: Deutschland, Europa und der Nahostkonflikt (II)

[ Vorwort s. Teil I ]

SCHEIN UND SEIN

Der Staat Israel wird die Entwicklung des Landes zum Wohle aller vorantreiben“,

das habe sich der junge Staat Israel seinerzeit zum Ziel gesteckt, führte Alfred Grosser aus, und zitierte weiter aus der Unabhängigkeitserklärung von 1948:

“Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden begründet sein, wie es die Propheten vor sich sahen;
er wird allen seinen Bewohnern vollständige Gleichheit hinsichtlich sozialer und politischer Rechte ohne Ansehen von Religion, Rasse oder Geschlecht gewährleisten […]
und er wird sich getreulich nach den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen halten.”

[…] Das hört sich einerseits vielversprechend an, möchte man anfügen. Es diente aber auch dazu, der internationalen Staatengemeinschaft Vertrauen in den neuen Staat einzuflößen.

Denn die Intention von Staatsgründer David Ben-Gurion hinsichtlich der arabischen Bevölkerung Palästinas war seit langem eine andere.

Im Jahr 1937, also noch vor dem Zweiten Weltkrieg und 11 Jahre vor der Staatsgründung, schrieb Ben-Gurion an seinen Sohn:

The Arabs will have to go, but one needs an opportune moment for making this happen, such as a war. (1)

Der Krieg, der dafür die Gelegenheit liefern sollte, war der Unabhängigkeitskrieg von 1948.

Wie der israelische Historiker Ilan Pappe im Detail nachwies, kann man davon sprechen, dass die im Vorfeld und im Zuge dieses Krieges stattgefundene Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas von langer Hand und generalstabsmäßig geplant worden war. Nach mehreren Entwürfen wurde schließlich entsprechend dem von Ben Gurion gebilligten, schriftlichen Plan “Dalet” vorgegangen.  “Dalet” sah  hinsichtlich der Vertreibung der Araber unter anderem vor:

“These operations can be carried out in the following manner:
either by destroying villages (by setting fire to them, by blowing them up, and by planting mines in their debris) […]
In case of resistance, the armed forces must be wiped out and the population expelled outside the borders of the state.”(2)

Durchaus im Sinne des Satzes von George Orwell, der in 1984 meinte, “wer die Vergangenheit beherrsche, beherrsche die Gegenwart, und wer die Gegenwart beherrsche, beherrsche die Vergangenheit” gelang der israelischen Geschichtsschreibung, die Vertreibung über Jahrzehnte tot zu schweigen.

Erst heute, vor allem infolge der jüngeren israelischen und arabischen Historikergeneration, dringt die “Nakba” – das arabische Wort für “Katastrophe” – langsam ins Bewußtsein auch der israelischen Öffentlichkeit.

Dennoch wird auf israelischer Seite bis heute einiges unternommen, diese wichtigen Korrekturen der Geschichtsschreibung zu hintertreiben. So wertet beispielsweise Yacoov Lozowick in seinem von der Bundeszentrale für Politische Bildung angebotenen Buch “Israels Existenzkampf – Eine moralische Rechtfertigung seiner Kriege“:

“Diese boshafte und stark verdrehte Version der Ereignisse ist zum Glaubensbekenntnis unter europäischen und amerikanischen Linken geworden, deren Entsetzen über das Elend der palästinensischen Flüchtlinge alle Bedenken gegenüber den wiederholt bewiesenen Absichten der Araber, die Juden zu vernichten, überwiegt.”(8)

Dieser Satz und die dahinter stehende Haltung birgt drei schwere Fehler:
1. Es war keine Flucht, sondern eine geplante und radikal durchgesetzte Vertreibung. Wer (vorsätzlich) beschönigende Begriffe verwendet, gelangt zu falschen Wertungen.
2. Lozowick setzt Tat und Absicht gleich. Gewiss gab und gibt es Zerstörungsandrohungen. Die werden auch von den “Linken” nicht akzeptiert (was Lozowick geflissentlich unterschlägt). Doch das Faktum der Verteibung mit den damals hohlen Absichtserklärungen mancher arabischer Führer gleichzusetzen, ist unzulässig.
3. Der Autor dieses Buches, der sich nicht mit einem politischen Erklärungsversuch benügt, sondern unbedingt eine “moralische Rechtfertigung der Kriege” zeigen will, hat sich offenbar geweigert, die zahllosen Details des israelischen Vorgehens gegenüber den Zivilisten zur Kenntnis zu nehmen, die durch nichts zu rechtfertigen sind:

So wurde nur eine Woche nach der Unabhängigkeitserklärung das Dorf Tantura von israelischen Kräften während der Nacht hermetisch abgeschlossen. Die Bevölkerung wurde an den nahe gelegenen Strand geschafft, wo die Männer von den Frauen und Kindern getrennt wurden. Die 85 Männer (um die niedrigere Schätzung zu nehmen) wurden von Exekutionskommandos abgeführt und mit Kopfschüssen ermordet.(3) Weitere Massaker wie das von Deir Jassin und anderen – – bei denen auch Kleinstkinder massakriert wurden – sind seit längerem bekannt.

Die Begleitumstände der Nakba wurden von Grosser weiter skizziert: Rund die Hälfte der urspünglich ansässigen arabischen Bevölkerung wurde aus ihrer Heimat vertrieben ( ~ 800.000 Einwohner).

531 Dörfer wurden zerstört, oftmals vollständig.
Mit Krieg und Vertreibung gingen Mißhandlungen, Folter, Erschiessungen von Zivilisten und Vergewaltigungen einher.
Die Wasserversorgung der Stadt Acre wurde mit Typhuserregern verseucht.(4)

Diese Dinge, fordert Grosser richtig, müssten heute auf den Tisch. Das gelte auch bei einem möglichen Beitritt der Türkei in die Euopäische Union in Hinblick auf das heikle Thema “Völkermord an den Armeniern”.

Dieser von 1915 bis 1917 währende Völkermord, der mit rund einer Million Ermordeten die Auflösung der armenischen Kultur in der Türkei mit sich brachte, fand nicht nur unter Beteiligung der Armee, der Kurden und der Verwaltung statt, sondern letztlich auch unter Hinnahme Englands, Frankreichs  und Deutschlands.(5)

Auf einer Vortragsreise in der Türkei sei er unlängst von seinem Gastgeber aufgefordert worden, die Begriffe “Armenier” und “Völkermord” unbedingt zu vermeiden. Das hat Grosser zugesagt – und gehalten. Im Vortrag hat er gleichermaßen diplomatisch wie klug ausgeführt, dass mit einer Aufnahme in die EU auch bestimmte Gepflogenheiten einhergehen würden. Etwa diejenige, über die eigenen Fehltritte in der Vergangenheit zu sprechen. Genauer:

Über die historischen Fehler der anderen darf man sprechen, über die eigenen historischen Fehler muss man sprechen.

KEIN ALLGEMEINES RÜCKKEHRRECHT

Obwohl das Unrecht der Nakba stattgefunden hat, will Grosser den Palästinensern kein allgemeines, uneingeschränktes Rückkehrrecht zubilligen. Und das aus ganz praktischen Erwägungen. Heute sei die Zahl der damals Vertriebenen einschließlich ihrer Nachkommen um ein Vielfaches höher als damals.

Allen ein Rückkehrrecht einzuräumen würde bedeuten, den Staat Israel demographisch auszuhebeln, da ein Gutteil der Rückkehrer nicht nur in die Westbank und nach Gaza zurückkehren würden, sondern auch in israelisches Stammland gemäß dem UN Teilungsplan von 1947 (Karte).

Im Jahr 1950 lag die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge mit offiziellem Flüchtlingsstatus bei 711.000. Mit direkten Nachkommen, die seitens des UN Hilfwerks UNWRA automatisch Flüchtlingsstatus erhalten, waren es im Jahr 2002 bereits über vier Millionen.

Zum Schicksal der Vertriebenen müsse laut Grosser auch gesagt werden, dass die arabischen Staaten sich nie um das Schicksal der Flüchtlinge gekümmert hätten. Ein Besucher der Vortrags, der sich als Libanese vorstellte, griff Grosser aufgrund dieser Darstellung scharf an: Das sei ein höchst irreführender Vorwurf, denn schließlich sei im Falle der vertriebenen Deutschen aus den Ostgebieten nach Kriegsende ’45 auch niemand auf die Forderung verfallen, sie müssten von den holländischen, belgischen oder dänischen Nachbarn aufgenommen und versorgt werden, da alle Europäer seien.

Dem entgegnete Grosser zurecht, dass Europa damals weder eine politische Einheit, noch eine anderweitig gewünschte Gemeinschaft war. Seit dem Ende des Osmanischen Reiches jedoch habe es in der arabischen Welt immer starke Bestrebungen nach einer gemeinsamen Nation gegeben. Nur so konnte sich der charismatische ägyptische Präsident Gamal Abd-el Nasser zum Führer der panarabischen Bewegung emporschwingen. Daraus entstand in den Fünzigern vorübergehend ein Staatenbund zwischen Syrien und Ägypten (VAR).

DEUTSCHLAND, FRANKREICH, EU, ISRAEL

Alfred Grosser lobte Bundespräsident Horst Köhler für dessen Rede in der Knesset im Februar des Jahres 2005.(6)

Darin sagte der Bundespräsident:

“Die Würde des Menschen ist unantastbar.”
“Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutschen. Dazu gehört, jederzeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten. Daran will sich die deutsche Politik messen lassen.”

Grosser deutete jedoch an, dass er der deutschen Politik nicht abnehme, sich in ihrer Haltung gegenüber Israel an diesen Grundsätzen zu orientieren. Im übrigen lasse man heute den neuen amerikanischen Präsidenten Obama alleine, wenn es darum gehe, eine vernünftige Haltung gegenüber Israel zu beziehen.

Die Rede von Bundespräsident Köhler fand ein Jahr vor dem Krieg gegen die Hizbollah im Libanon statt. Auch dieser Krieg in 2006, wie bereits der von 1982 , war auf israelischer Seite gekennzeichnet durch eine Strategie der “massive retaliation”, der massiven Vergeltung.

Mehr noch: Nach dem Libanonkrieg und knapp drei Monate vor dem jüngsten Gazakrieg wurde seitens der israelischen Militärführung die “Dahiyeh Doctrine” verabschiedet. Man darf sie zurecht als die Entsprechung der Donald Rumsfeld Strategie von “shock and awe” (Furcht und Schrecken) bezeichnen.

In der Dahiyeh Doctrine wurde erklärt:

“We will wield disproportionate power [unverhältnismäßige Gewalt] against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction.”

Genau das wurde im kurz darauf begonnenen Gazakrieg demonstriert.

Mit Angela Merkel verstehe er sich gut, meinte Grosser, und er schätze sie. Dennoch hätte er sich gewünscht, dass Frau Merkel in ihrer Rede vor der Knesset vom März 2008 auch etwas über die Palästinenser gesagt hätte.

Obwohl er seinem eigenen Präsidenten Nicolas Sarkozy eher skeptisch gegenüber stehe, sei bemerkenswert, was er im Juni 2008 vor dem israelischen Parlament gesagt habe: Frankreich ist der Allierte an der Seite Israels, aber es liegt in Israels Interesse,  den Palästinensern einen eigenen, lebensfähigen Staat zu geben. Das kann, so Sarkozy, nur in einer Zweistaatenlösung erfolgen. Im übrigen muss Israel seine Siedlungsaktivitäten einstellen.

DER GAZAKRIEG

Grosser hat kein Verständnis für die Härte des israelischen Vorgehens in Gaza, spricht die Phosphorbomben an, die gezielten Tötungen von Zivilisten, die Zerstörungen von zivilen Einrichtungen und – wie im Libanonkrieg 1982 und 2006 – die vorsätzliche Zerstörung der grundlegenden Infrastruktur.

Einsatz Phosphorbomben Gaza

Europa würde die Infrastruktur aufbauen, und Israel würde sie zerstören. Das ginge schon lange so, und zwar sowohl im Libanon, wie auch in Gaza. Es sei bemerkenswert, wie wenig Protest von europäischer Seite kommen würde.

Die Gesamtausgaben der EU für den Infrastrukturaufbau in den Palästinensischen Gebieten belaufen sich 1994 bis 2006 auf ca. 200 Mio. Euro.  […] EU-Kommission […] schätzt den gegenwärtigen Wiederaufbaubedarf […] auf 63,3 Mio. US-Dollar. [Anm. d.Verf.: Somit wurde rund ein Drittel der EU-Aufbauarbeit zerstört.]

Aufschlußreich sei auch gewesen, dass Israel keinen Journalisten erlaubt habe, direkt aus dem Kriegsgebiet zu berichten.

Grosser kann nicht verstehen, warum die Europäische Union angesichts des israelischen Vorgehens in Gaza unbeiirt ihr Interesse an einer “privilegierten Partnerschaft” mit Israel weiter verfolgt.

Hans-Gerd Pöttering, der CDU Spitzenkandidat für die EU, hat zu diesem Thema folgendes geäußert:

“Abendblatt: Was ist mit Israel?
Pöttering: Mit Israel haben wir sehr geordnete Beziehungen. Israel ist uns sehr nahe und kann privilegierter Partner der Europäischen Union werden. Vieles hängt davon ab, wie Israel seine Politik gestaltet.

Abendblatt: Inwiefern?
Pöttering: Wir wollen Frieden im Nahen Osten auf der Grundlage einer Zwei-Staaten-Lösung: Israel als Staat in sicheren Grenzen, aber auch Palästina als Staat in sicheren Grenzen. Die Europäische Union wird nicht akzeptieren, dass die Regierung Netanjahu die Gründung eines Staates Palästina ablehnt.”

Kein Wort zum Gazakrieg.

Der Gazakrieg, so drängte sich dem Zuhörer gegen Ende des Vortrags auf, hat Alfred Grosser die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende der Auseinandersetzung genommen.

“Genetisch gesehen bin ich Optimist”, hatte sich Grosser eingangs selbst beschrieben, “aber kraft Verstandes bin ich Pessimist.”

Zu seiner Einschätzung eines künftigen Friedens zwischen den Konfliktparteien befragt, meinte Grosser zum Schluß seines Vortrags, da werde ihm selbst seine genetische Veranlagung nicht weiter helfen, und schloß mit den doch recht untröstlichen Worten: “Wieso sollte ich Ihnen Hoffnung auf etwas machen, an das ich selbst nicht mehr glaube?”

Nachwort

Bei Alfred Grosser kommt neben der historischen und politologischen Expertise immer auch der große Kulturbürger und eine unverkennbar tiefe Humanität zum Ausdruck. Das hat er in diesem Vortrag einmal mehr mit Souveränität, Charme und Gelassenheit gezeigt. Mögen seine Argumente aus naheliegenden politischen Interessen nicht jedermanns Sache sein, so wünscht man sich doch, dass Menschen seiner wissenden und milden Art insbesondere in politischen Beraterkreisen mehr Gehör finden würden.

Der jüdische Essayist Achad Ha’Am schrieb in seinem englischen Erfahrungsbericht “Truth from the land of Israel”:

the jewish settlers [Siedler] “treat the Arabs with hostility [Feindseligkeit] and cruelty [Grausamkeit], trespass unjustly on their territories [überqueren unbefugt deren Ländereien], beat them shamelessly for no sufficient reason [schlagen sie schamlos aus nichtigen Gründen], and boast at having done so [und brüsten sich damit].”

Als Erklärung dafür lieferte Ha’Am:

“They [the Jews] were slaves in their land of exile and suddenly they find they have unlimited freedom, wild freedom … This sudden freedom has produced in their hearts an inclination [Neigung] toward repressive despotism, as always occurs when ‘the slave becomes king’ “.

Ha’Am verfasste diesen Reisebericht im Jahr 1891. (7)

(1) Zit. nach: Ilan Pappe, The Ethnic cleansing of Palestine, Oxford 2006, S. 23; hinsichtlich der Thematik Vertreibung und ethnische Säuberung gilt letztlich das ganze Buch.

(2) dto., S.39

(3) dto. S. 135

(4) dto., S. XV

(5) Alfred Grosser, Verbrechen und Erinnerung, München 1993, S. 64f.

(6) Bewegend. Bitte anhören.

(7) Zit. nach “Voices of Refusal and Dissent, The other Israel”, New York 2002, aus dem Vorwort von Tom Segev, S. IX

(8) Yaacov Lozowick, Israels Existenzkampf, bpb 2006, S. 111

Ilan Pappe lehrt Geschichte an der Universität von Exeter (Großbritannien).

Leseempfehlungen zum Gazakrieg (I, II)

* Für diesen Beitrag gilt das dem Teil I vorangehende Vorwort.

Photo Phosphorbomben: Huffington Post
Photo Palästinensische Flüchtlinge: UNWRA

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