Regeln statt Moral – die bessere Variante gegen die Krise

Die Diskussionen zur Wirtschaftskrise werden zu einem Gutteil von gänzlich überflüssigen und wirkungslosen Betrachtungen zur Moral begleitet.

Die Gier der Banker / Manager / Politiker.

Ach. Als hätten diese Leute bloß vergessen, was Moral ist. Unfug. Moral ist zwar existent, aber sie ist statistisch „normalverteilt“: Manche haben mehr, manche weniger davon abbekommen.

Einer hat nicht weniger Moral, weil er Banker ist. Aber der Anteil der Banker, die im Zuge der „Normalverteilung“ einen geringeren Zuschlag an Moral bekommen haben, werden sich austoben, sobald es die Rahmenbedingungen zulassen. Dasselbe gilt für den Politiker, den Polizisten, den Soldaten, den Meister im Betrieb, den Abteilungsleiter bis hin zum Kassenangestellten der Bahn. Deren effektive Handlungsbedingungen lassen ihre (Un-)Moral zum Vorschein kommen oder halten sie im Zaum.

Reden ist Silber – regeln ist Gold

Als wäre je zu Menschenzeiten eine Änderung der moralischen Qualität dadurch erreicht worden, dass man Moral thematisierte. Moral ist – um eine willkürliche Zahl zu nennen – zu 90 Prozent naturgegeben und zu 10 Prozent gestaltbar.

Man kann das Thema von beliebig vielen Blickwinkeln betrachte: Es kommt immer dasselbe dabei heraus. Haben 2000 Jahre Christentum die menschliche Moral gehoben? Nein. Haben humanistische Appelle der Klassik oder des Humanismus die Moral verbessert? Nein. Hat es die Philosophie erreicht? Nein. Die Anrufung der Vernunft? Nein.

Die größten Ausfallerscheinungen in Sachen Moral sind immer dann aufgetreten (und werden es bis zum Ende aller Tage tun), wenn es einen Handlungsrahmen gab oder gibt, der die Ausfälle zugelassen oder gar befördert hat, sei dies nun eine christliche Weltanschauung, die zu den Kreuzzügen geführt hat; die stalinistischen Säuberungen;  die nationalsozialistische Freigabe der Hetzjagd auf Juden; die Apartheitspolitik Südafrikas oder die der USA bis in die 60er etc.pp.

Der Staat und / oder die Gesellschaft haben sich dabei je Rahmenbedingungen gegeben, die solche Ausfallserscheinungen sanktionsfrei werden liessen oder honoriert haben.

Moral ist, um es abzukürzen, die konkrete Verhaltensweise angesichts bestimmter Rahmenbedingungen zulässigen Handelns. Je feiner und besser komponiert das Regelwerk zur Begrenzung – man könnte auch sagen: zur Befriedung – des Einzelnen, desto „höher“ die resultierende Moral.

Darin liegt seit jeher die Herausforderung und das Dilemma der Demokratie: Das Austarieren von individueller Freiheit und nötiger Beschränkung.

Das wußten die Verfassungsväter der USA besser als alle anderen und komponierten daraus das System der checks und balances. Selbstverständlich: Keine Garantie für makelloses Gelingen. Aber vom Grundsatz her der bestmögliche Versuch.

Es sollte endlich Schluss sein mit dieser Augenwischerei, die mit der irreführenden Anrufung von „Moral“ betrieben wird.

Man erstelle kluge Regelwerke (wozu zum Beispiel eine funktionierende Bankenausfsicht gehört und nicht – wie Günther Verheugen zurecht kritisierte – eine im weltweiten Vergleich überaus lasche BAFIN) und die Moral stellt sich von alleine wieder ein.

Das gilt für den Neokapitalismus insgesamt: Er war gekennzeichnet durch ein Übermaß an Freiheiten. Die aber hat schon immer ihre Kinder gefressen.

Zäumt die Gier, aber kommt ihr nicht mit der Moral!

Wie sagte Schopenhauer zurecht:

„Wenn Erziehung und Ermahnung irgend etwas bewirkten,
wie könnte dann ein Nero der Schüler Senecas seyn?“

Die Moralapostel von Berufs wegen, also die Kirchenleute, Politiker, Philosophen und Gutmenschen werden dieser Chimäre weiter mit Ausdauer nachjagen.

Fangt den Hut!  Und sagt mir, wenn ihr sie gefunden habt, Eure herbeigeredete flächendeckende Moral.

Leseempfehlungen:

Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral; Morgenröte
Zur Morallosigkeit der Moralisten
Das gute Leben – so billig

Nachtrag: Im Zuge von weiteren Recherchen, um auf Kommentare eingehen zu können, bin ich auf einen lesenswerten Vortrag des Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert zum Thema Moral & Wirtschaft aus dem Jahr 2008 gestossen. Der Sozialwissenschaftler Lammert hat seinen Vortrag um letzlich dieselbe Kernthese aufgebaut:

„Der Umgang mit moralischen Ansprüchen gegenüber kodifizierten Systemen ist eine besonders delikate Herausforderung. Ich bin, wie Oswald von Nell-Breuning, der nicht als bedeutender Unternehmer, sondern als bedeutender Sozialethiker in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist, der Überzeugung, dass man diejenigen politischen und ökonomischen Systeme allen anderen Varianten vorziehen sollte, die die geringsten Ansprüche an die individuelle Moral stellen.

Diese auf den ersten Blick verblüffende Auskunft, die man selbst auf den zweiten Blick für einen Anflug von Zynismus halten könnte, ist bei genauerem Hinsehen sehr gut durchdacht.“

Bild: courtesy Randall Stoltzfus (Titel: Manicomio)

— Schlesinger

Leseempfehlungen:

Peter Sloterdijk: Betrachtungen zum Menschenpark

Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral; Morgenröte

Thomas Strobl: Moral und Krise