Politik von Ahmadinedschad ist falsch

Die Politik von Ahmadinedschad ist falsch. Wir akzeptieren sein Vorgehen nicht. Seine Politik führt dazu, dass wir immer mehr Feinde bekommen. Und ein großer Teil seiner Äußerungen ist unüberlegt„, sagt Mehdi Karroubi, einer der drei Herausforderer des amtierenden iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vor den am 12. Juni anstehenden Präsidentschaftswahlen im Iran.

Karroubi ist nicht irgend einer. Der 71jährige Geistliche war von 1989 bis 2002 sowie von 2000 bis 2004 Sprecher des iranischen Parlaments.

Für die Holocaust-Reden Ahmadinedschads hat Karroubi kein Verständnis: „Es macht doch keinen Sinn, dass wir im Iran bezweifeln, dass dieser Mörder Leute umgebracht hat.“

Dass man zur Palästinenserfrage auch im Iran sachlich Stellung beziehen kann, zeigt sich am Beispiel Karroubis:

„Die Palästinenser leben in Palästina. Es ist ihr Vaterland. Sie haben Rechte dort. Also müssen Muslime und Juden einen Weg finden zusammenzuleben.“ So redet einer, der zu einer Lösung gelangen möchte, während Ahmadinedschad mit seinen rhetorischen Spitzfindigkeiten nur die Launen des Mobs bedienen will.

Dasselbe gilt für die Atomfrage. Natürlich sieht auch Karroubi keine Veranlassung, auf Atomtechnik zu verzichten.

Doch er hat keine Probleme damit, die Entwicklungen auf diesem Gebiet offen darzulegen:

„Wir wollen das Know-how der Atomtechnik beherrschen. Wichtig aber ist, sich gegenseitig zu respektieren und offen miteinander zu reden. Wir sollten alles klar auf den Tisch legen. Transparenz von unserer Seite und gegenseitige Vertrauensbildung hätten Wirkung gezeigt. Aber die harte Position der USA und Ahmadinedschads Reden haben alles verkompliziert. So haben sich er und Bush gegenseitig hochgeschaukelt.“

Gegenseitig hochgeschaukelt: Wie wahr. Das stellte der Kolumnist Nicolas D. Kristof von der New York Times bereits im Juli 2007 fest. Er hatte die fatale Beziehung zweier Hardliner – vielleicht noch trefflicher – auf das Duo Ahmadinejad – Cheney bezogen und gerätselt, ob der iranische Präsident und der amerikanische Vizepräsident möglicherweise Zwillinge waren, die bei der Geburt getrennt wurden:

Could Dick Cheney and Mahmoud Ahmadinejad be twins separated at birth?

The U.S. vice president and Iranian president, each the No. 2 in his country, certainly seem to be working together to create conflict between the two nations.

Theirs may be the oddest and perhaps most dangerous partnership in the world today.

Karroubi: Der iranische Obama

Karroubi hat nicht nur eine günstige Meinung von Amerikas neuem Präsidenten Obama, sondern verwendet gleich dessen Wahlslogan: „Change“.

Teil dieses Wandels soll die Gleichberechtigung der Frauen sein, wenn es nach Karroubi ginge:

this change cannot be realized except with the restoration of the greatness and the rightful status of women.

Dazu will der Kandidat im Fall eines Wahlsiegs verstärkt Frauen in sein Kabinett und die Ministerien aufnehmen:

I consider the presence of women in (my) cabinet, as ministers, deputies and presidential advisers as a necessity.

Schon jetzt lässt sich Karroubi von der prominenten Frauenrechtlerin Jamileh Kadivar beraten.

Daneben tritt er für mehr Meinungsfreiheit ein und verspricht den Studenten ein offeneres Klima an den Universitäten:

I will create a free atmosphere in universities

Allein diese wenigen Beispiele und die Wortwahl Karroubis sind eine wohltuendende Abgrenzung vom „lieben“ Präsidenten Ahmadinedschad – um eins seiner Lieblingswörter zu verwenden -.

Dass sich Ahmadinedschads Politik vor allem an seiner Ideologie und nicht an der Realität ausrichtet, lässt sich eindrucksvoll an seinen Äußerungen zum Thema Homosexualität nachvollziehen.

Denn Iran ist nach Auffassung seines jetzigen Präsidenten eine Art Wunderland, da es dort kein Phänomen namens Homosexualität gibt:

In einem zynischen Sinn mag Ahmadinedschad recht haben: Im Iran steht Homosexualität unter Todesstrafe, die auch ausgeführt wird. Wenn man Schwule und Lesben exekutiert, gibt es sie nicht mehr (die Todesstrafe wird auch gegen homosexuelle Frauen ausgeführt, wenngleich sie zuvor eine Chance auf Läuterung durch Auspeitschung haben).

Während der erste Mann im Staat, Großajathollah Khameni, wohlmeinende Worte für die Kandidaten Karroubi und Mohsen Rezai findet, hat er öffentlich bekundet, wen er bei den Wahlen bevorzugen wird: Mir-Hossein Mousavi.

Auch Mousavi hat Ahmadinedschad schärfstens attackiert. In einer Rede in Isfahan zürnte Mousavi, der amtierende Präsident habe kein Recht, Schande über das iranische Volk zu bringen und den iranischen Pass so zu entwerten, als ob es ein somalischer Pass wäre.

Großajathollah Khameni wird genau wissen, was er mit der Unterstützung Mousavis in Richtung Wähler und Ahmadinedschad signalisiert.

Wie gut täte es dem Iran und damit den Internationalen Beziehungen, würde dieses in mehrfachem Sinn große Land wieder von rationalen Kräften geleitet.

Ob der Wahlsieger dann Karroubi, Mousavi oder Rezai heißt, spielt beinahe eine nachgeordnete Rolle.

— Schlesinger

Leseempfehlungen:
Interview mit Mehdi Karroubi (Frankfurter Rundschau)
Nicolas D. Kristof über Cheney – Ahmadinedschad (NYT)

(Photo: Press TV)