Mein Gott, wieso hast Du uns verlassen?

Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das ganze Land bis um die neunte Stunde.

Der Gekreuzigte aber verlieh seiner Schrecknis Ausdruck und rief in seiner aramäischen Muttersprache den nur im Markusevangelium zu finden Satz:

Eli, Eli, lama absabthani?

Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Markus, Kap. 15,34)

Dass die italienischen Abruzzen gerade zu Ostern von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurden, ist nur einer Laune der blinden Natur zuzuschreiben. Kaum jemand kommt heute noch in Versuchung, derartige Katastrophen als Strafe Gottes zu interpretieren.

Und doch: Jene früheren Erklärungen hatten den Vorzug, dem Wüten der Natur einen höheren Sinn zuzuschreiben.

Es sollte eben keine blinde Natur sein, sondern der verlängerte Arm Gottes, der die Sünder auf Erden straft, so wie Er der Hurerei von Sodom und Gomorrha ein Ende bereitet hat.

Die Beste aller Welten

An Allerheiligen des Jahres 1755 wurde Lissabon von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Zahlreiche Brände und eine gewaltige Flutwelle taten das ihre, um in der Folge 85 Prozent der Gebäude zu zerstören und über ein Drittel der Bevölkerung zu töten. Noch in England traf eine drei Meter hohe Flutwelle die Küste, die Atlantikinseln Barbados und Martinique wurden von dem Tsunami ebenso verwüstet wie weite Teile der an der südportugiesischen Algarve gelegenen Küstenstädte und -dörfer.

Angesichts dieser Katastrophe wurde schärfer denn je die Frage nach der Natur Gottes gestellt. Kann der Gott ein gütiger Gott sein, der solches zulässt?

Der deutsche Philosoph Leibniz hatte noch in seinem Werk Theodizee (1710) von der „Besten aller Welten“ gesprochen. Demnach habe der vollkommene Gott keine andere Möglichkeit gehabt, als eine unvollkommende Welt zu schaffen. Unvollkommen sei sie unter anderem alleine deshalb, weil sie der menschlichen Bedingung der Freiheit unterliege. Einem bestimmten Maß an Gutem stehe ein ebensolches Maß an Schlechtem gegenüber.

Candid

Ungeachtet der Feinheiten der Leibniz’schen Untersuchung verfasste der große Spötter Voltaire angesichts der Verwüstung Lissabons sein grandioses Werk „Candide„. Darin beschreibt Voltaire anhand der Erlebnisse des jungen Adligen Candide in vollendet zynischer Kunstfertigkeit die beinahe unumstößliche Macht der philosophischen, religiösen, ideologischen Verblendung. Denn was auch immer Candide zustoßen mochte, er vertraute bis zuletzt an die Welterklärung seines Lehrers „Pangloß“ [ein Pseudonym für Leibniz]:

Der Herr Baron war einer der mächtigsten Edelherren Westfalens […]

Der Sohn des Barons war ein würdiges Abbild seines Herrn Papa. Das Hausorakel stellte Magister Pangloß dar, und der kleine Candid nahm jede seiner weisen Lehren mit der Treuherzigkeit seines Alters und Charakters auf.

Bewunderungswürdig bewies [Pangloß], keine Wirkung könnte ohne Ursache sein, und in dieser besten aller möglichen Welten sei das Schloß des Barons das schönste aller Schlösser, die gnädige Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

„Die Dinge können nicht anders sein, als sie sind“, demonstrierte er: „denn da alles zu einem Zweck geschaffen worden ist, muß es natürlich zu ihrem besten Zweck sein.“

[ Westfalen und das Schloß werden sodann von blutrünstigen Heerscharen der „Bulgaren“ heimgesucht.]

[Candid] stieg über einen Haufen von Toten und Sterbenden hinweg und gelangte in ein nahegelegenes Dorf. Es bestand nur aus Aschenhaufen: da es ein Abarendorf gewesen war, hatten die Bulgaren es nach den Bestimungen des Völkerrechts in Brand gesteckt.

Von Schüssen durchsiebte Greise sahen hier ihre erdrosselten Frauen sterben, die Kinder noch an die blutenden Brüste gepresst. Aufgeschlitzten Leibes hauchten einige Mädchen ihren letzten Seufzer aus, nachdem sie die natürlichen Bedürfnisse einiger Helden befriedigt hatten.

Andere lagen halbverbrannt da und wimmerten flehentlich, daß man sie vollends töte. Zwischen abgerissenen Armen und Beinen war auf dem Boden Gehirnmasse verspritzt.

So schnell er vermochte, floh Candid [… und trifft auf seinen alten Lehrer Pangloß, den die Umstände zum Krüppel machten].

Pangloß erklärte ihm, daß alles auf der Welt vortrefflich eingerichtet sei. „Die Menschen“, sagte er, „müssen wohl die ursprünglich vollkommene Natur ein wenig verdorben haben; sie sind nicht als Wölfe geboren, sondern sind erst zu Wölfen geworden; Gott hat ihnen weder vierundzwanzigpfündige Kanonen noch Bajonette gegeben; sie haben Bajonette und Kanonen erst erfunden, um sich gegenseitig umzubringen. […]

All dieses ist unerläßlich […] das Unglück des Einzelnen begründet das Wohl der Gesamtheit, so dass es ums allgemeine Wohl desto besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.“

Während er dergestalt philosophierte, verfinsterte der Himmel sich…

… in den der Gekreuzigte sein Eli, Eli, lama absabthani rief.

Und nun, da die Natur, die den Menschen nicht kennt und ihm aus Zufall ihr „Grauen“ (Joseph Conrad) auferlegt wann es ihr beliebt, werden sich wieder viele die Frage nach dem Gott stellen.

Dessen Stellvertreter in Rom, der Heilige Vater, hermelinbemützter Benedetto,  beliebt den Orten des Grauens um L’Aquila ebenso fern zu bleiben wie Er selbst.

Statt dessen hat der Stellvertreter des Herrn seinen Stellvertreter Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone gesandt, um die Totenmesse zu lesen.

Deus absconditus. Der verborgene, nein, der abwesende Gott.

— Schlesinger

Prof. Dr. Martin Pöttner merkte in seinem Leserbrief an:

„[…] Andererseits möchte ich doch darauf verweisen, dass Markus 15,34 insofern gut gewählt ist, weil es diejenige naive Gotteskonzeption (vor dem Hintergrund u. a. des Hiobbuches) gerade nicht teilt, Sie deuten es in Ihrem letzten Satz an, die in Erwägungen wie bei Leibniz und Voltaire zugrunde gelegt wird. Es ist schon diejenige Epikurs mit der sich auch Hiob offenbar schon auseinandersetzt. Auch für viele Christ/inn/en ist dieser aus den Klagepsalmen stammende Ruf anstößig, sodass er bei Matthäus und Lukas nicht auftaucht. Darin zeigt sich eine existenziell andere Möglichkeit, mit Gott umzugehen.

Im Mittelpunkt vieler christlicher Bilderwelten steht daher der gottverlassene vom Römischen Staat Gekreuzigte.

Ob Mann oder Frau mit diesem Bild etwas anfangen können, ist eine individuelle Entscheidung.“

(Bild: Wikipedia)